Leipziger Buchmesse : Analog bleibt wichtig

Gute Stimmung, viele Preise: Zum Abschluss der Leipziger Buchmesse.

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Laufen, Sitzen, Lesen. 156 000 Besucher kamen in diesem Frühjahr nach Leipzig. Foto: dpadpa-Zentralbild

Wer – wie der 66 Jahre alte Hanser-Verleger Michael Krüger – schon über 40 Jahre lang dem Literaturbetrieb angehört und auf Buchmessen geht, weiß genau, wofür auch im Jahr 2010 eine Messe wie die Leipziger Buchmesse gut ist: „Um zu erfahren, dass man 99,9 Prozent der hier vorgestellten Bücher wirklich nicht zu lesen braucht. Um die hundert Bücher, die in einem Jahr bleiben, um die geht es.“

Krüger stimmt an diesem Freitagabend, da die Veranstalter des Blauen Sofas mit einer großen Gesprächsrunde ihr zehnjähriges Jubiläum feiern, natürlich auch das Klagelied über die immer größer werdende Macht der Buchhandelsketten an und sagt, dass diese einen enormen Druck auf die Verlage ausübten und in ihrem Sortiment gerade mal einen Bruchteil der hundert wirklich wichtigen Bücher führten (und dafür so einiges von den restlichen 99,9 Prozent).

Doch weiß Michael Krüger bei all seinem Augenmerk aufs Wesentliche und seinem obligatorischen Lamento auch, dass der ganze große und ihm nicht so wichtige Rest erst den Charme einer Buchmesse ausmacht, gerade auch den der Leipziger. Dass sich das Messepublikum eben nicht nur für Georg Klein, Helene Hegemann, Martin Walser, Günter Grass und Richard von Weizsäcker interessiert, sondern genauso für Tim Herdens ersten Hiddensee-Krimi „Gellengold“ oder Andreas Biskupeks und Olaf Jacobs Geschichte der ostdeutschen Seefahrt mit dem beziehungsreichen Titel „DDR Ahoi“; oder für die fünf luxemburgischen Autoren, die am Samstagnachmittag in der Halle vier am Stand der Luxemburger Buchverleger vorlesen.

Gerade am Samstag platzen die fünf Hallen der Messe mal wieder aus allen Nähten. Wie jedes Jahr ist dieser Tag nach einem verhaltenen Auftakt und einem schon voller werdenden, von ersten jungen Menschen in Fantasy-Kostümen und Manga-Outfits dominierten Freitag der besucherstärkste – und nicht unbedingt erträglichste – Messetag. Und wie in jedem Jahr kann die Messeleitung wieder ein paar Besucher mehr als im Vorjahr vermelden, 156 000 nämlich (2009: 148 000), und nicht zuletzt deshalb „eine hervorragende Stimmung“ diagnostizieren, wie der Geschäftsführer der Leipziger Messe Martin Buhl-Wagner bei seiner Halbzeitbilanz. Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder sekundiert zum Abschluss am Sonntag und spürt „ein neues Selbstbewusstsein bei Verlegern und Buchhändlern“. Doch war die Stimmung auf einer Leipziger Buchmesse schon einmal schlecht?

Da schien es in diesem Jahr niemand etwas auszumachen, dass die größeren Verlage, wiewohl alle gekommen, scheinbar weniger Ausstellungsfläche gebucht hatten und nicht in Mannschaftsstärke angereist waren. Und auch nicht, dass die bücherschreibende Sport-, Polit-, Show-, und Fernsehprominenz dieses Frühjahr eher der zweiten und dritten Garde angehörte: Abi Ofarim, Karel Gott und Nina Hagen, Ben Becker, Gerhard Schöne und Jochen Senf, Marianne Sägebrecht, Michael Stein und das Ehepaar Stolpe, Franziska van Almsick und Tanja Szewczenko.

Die Show muss eben immer weitergehen, Angebot hin, Nachfrage her. Auffallend war, dass schon lange auf keiner Messe mehr so wenig über die anstehende Digitalisierung der Branche, über E-Books und i-Pads gesprochen wurde. Die Digitalisierung ist offenkundig hurtig im Gange, ihre Konsequenzen sind jedoch weiterhin Anlass für viele Spekulationen. Zumal die serienreifen, erschwinglichen, bequem zu bedienenden E-Books auf sich warten lassen, und das i-Pad überhaupt erst in zwei Wochen auf den amerikanischen Markt kommt. Trotzdem – eine weitere Zahl, die die Runde machte – wollen sich laut einer Umfrage fast drei Millionen Deutsche in diesem Jahr ein E-Book kaufen. Ob damit der Marktanteil der E-Books in Deutschland gleichfalls auf zehn bis fünfzehn Prozent des Gesamtbuchmarktes schnellt, wie in England und den USA, bleibt abzuwarten.

Auch die These der Jury-Vorsitzenden des Leipziger Buchpreises, Verena Auffermann, die hysterisch anmutende Hegemann-Debatte beruhe nicht zuletzt auf der Angst der Branche vor der Digitalisierung, wollte niemand wirklich zu Ende diskutieren. Ein analoges Monstrum wie eine Buchmesse aber hat durch die Digitalisierung nur wenig zu befürchten. Aufgabe einer Buchmesse ist es ja, Bücher und Autoren zum Anfassen zu präsentieren und dem Publikum Gelegenheit zu Gesprächen mit den Autoren zu verschaffen, selbst wenn diese sich nur auf das Signieren von Büchern beschränken. Und darüber hinaus soll sie ein Forum für Preisverleihungen bieten, damit Autoren, Bücher und Verleger noch interessanter werden. Da gab es den Preis der Literaturhäuser an Thomas Kapielski, den der Kurt-Wolff-Stiftung an den Verleger Klaus Wagenbach (der diesen Preis einst selbst ins Leben gerufen hatte), den deutsch-arabischen Übersetzerpreis an Nabil Haffar aus Damaskus für seine Übersetzung von Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“, den Brücke Berlin Preis, einem Literatur-und Übersetzerpreis für Werke aus Mittel- und Osteuropa, dessen Shortlist, modisch, modisch, auf der Messe verkündet wurde.

Außerdem dient eine Messe immer dazu, die Angestellten der Buchbranche miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, auf dass, so wie in diesem Jahr, zumindest bis zum Ende der Leipziger-Buchpreisverleihung und der Entscheidung für Georg Klein und seinen Roman „Roman unserer Kindheit“ alle noch einmal alles zu Helene Hegemann sagen konnten. Da hörte man zum Beispiel von einem Programmleiter für deutschsprachige Belletristik, der seinen Namen nicht in der Zeitung stehen sehen möchte, dass „Axolotl Roadkill“ seinem Verlag ebenfalls angeboten worden sei, er aber im Einverständnis mit dem Verleger abgelehnt habe: „Uns war bewusst, dass das Buch sechsstellig gehen würde, wir wollten es trotzdem nicht.“ Und da hörte man aus Verlagskreisen auch wieder das böswillige Gerücht, Vater Carl hätte seiner Tochter die Feder geführt, um ein paar finanzielle Schäfchen ins Trockene zu bringen. Daraus aber spricht vor allem der Ärger, das Rennen um Hegemann nicht gemacht und die Chance verpasst zu haben, ein Buch zu verlegen, dass schon rein äußerlich (günstiges Softcover, knallige Aufmachung, von junger Frau geschrieben, heikles Thema) in einer Linie mit den Überraschungsbestsellern vergangener Jahre steht: Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ und Charlotte Roches „Feuchtgebiete“.

Ob der Buchautor Josef W. Gastello auf einen ähnlichen Erfolg hofft? Gastello hat überall auf den Tischen der Messe-Restaurants schmucklose weiße Kärtchen hinterlassen, auf denen eine Internetadresse und der Titel seines Buches stehen, „Keine Endstation in Venezuela“. Es geht doch nichts darüber, ein Buch zu schreiben und dafür eine Öffentlichkeit zu finden. Da soll doch ein Michael Krüger sagen, was er will.

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