Leipziger Buchmesse : Litauen - die Langsamkeit der Zukunft

Wo die europäische Idee noch lebt: Impressionen aus Litauen, dem Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse.

Kirchtürme, so weit das Auge reicht. Blick über die Altstadt von Vilnius.
Kirchtürme, so weit das Auge reicht. Blick über die Altstadt von Vilnius.Foto: Vilnius Tourism

Die Freude über den europäischen Traum, verweht. Stattdessen das große Kopfschütteln, wie weit es damit kommen konnte. England auf der Flucht, Frankreich ein unsicherer Kantonist, Belgien grundzerrissen, Ungarn und Polen im nationalen Wahn, Griechenland ein Dauerpatient, Bulgarien ein Sumpf der Korruption, Beitrittskandidaten wie Mazedonien eine Bananenrepublik, und die Türkei unterwegs zu noch Schlimmerem. Wenn dies das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten ist, das Angela Merkel Anfang Februar beim EU-Gipfel auf Malta beschwor, ein Europa, in dem die integrationswilligen Kernländer vorneweg marschieren, während die weniger entwickelten hinterdreinschlurfen, dann gute Nacht.

Und doch glüht sie noch, die europäische Idee. Sie wärmt das gesamte Baltikum, und besonders in Litauen hat sie alles, was sie braucht. Eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die sich vom Einbruch der globalen Finanzkrise 2008/09 nicht hat beirren lassen. Eine Vergangenheit, die für den Schmelztiegel von Sprachen, Religionen und Kulturen steht, nach dessen Geschichtenreservoir sich die Gemeinschaft sonst vergeblich verzehrt. Und eine Reihe von Schönheitsfehlern, die daran erinnern, dass es auf Erden nun einmal kein Himmelreich gibt.

Vilnius, die barock lächelnde Hauptstadt, wirkt bis in ihr Gassengewirr hinein fast unheimlich aufgeräumt. Die legendäre Kirchendichte rund um die katholische St.-Stanislaus-Kathedrale gibt von der russisch-orthodoxen Variante bis zur Choral-Synagoge auch der gottesfernsten Seele Halt. Durch die Einkaufsstraßen fließen die Warenströme wie durch Ljubljana oder Kopenhagen, mit lokalen Akzenten wie dem Bernsteinhandel. Die deftige Kohl-Kraut-Schwein-Kartoffelküche wird von Sushi und Pizza in Schach gehalten oder kalorienfreundlich neu interpretiert. In Užupis, dem einst anarchischen Künstler- und Hausbesetzer-Viertel jenseits des Vilnelė-Flusses, wohnt die neue Kreativklasse inzwischen ordnungsgemäß zur Miete. Und Peronas, der Musikclub in den Bahnhofshallen, lockt allabendlich mit Pop und Jazz in seine Industrieloft-Atmosphäre.

Starker brain drain bei hoher Lebensqualität

Von der Gemütslage her könnte es in Vilnius nicht entspannter zugehen. Trotz magerer Durchschnittslöhne von 400 bis 500 Euro bei einem Preisniveau, das nur knapp unter dem Westeuropas liegt, fehlt es an jeder sichtbaren Aggressivität. Der Stolz, notfalls mit mehreren Jobs über die Runden zu kommen, behält die Oberhand. Wir haben eine hohe Lebensqualität, sagen viele, erst recht in Kaunas, dem kleineren, vom Modernismus der Zwischenkriegszeit geprägter Rivalen von Vilnius, das durch seine Textilkunst einen internationalen Ruf erworben hat. Von den Vorzügen der litauischen Geruhsamkeit ist indes nicht jeder überzeugt. Ein empfindlicher brain drain in Richtung Großbritannien und USA hat die 3,7 Millionen Einwohner, die das Land 1992 zu seinen besten Zeiten zählte, auf unter drei Millionen absinken lassen. Ob ausgerechnet der Brexit einige von ihnen zurückkehren lässt?

Mit Estland und Lettland gehört Litauen in den Statistiken der Vereinten Nationen seit 2002 zum Norden Europas. Wie gern würde es auch politisch die Zuordnung zum postsowjetischen Osten hinter sich lassen. Als Mitglied der Nordic-Baltic 8 sucht es nach jeder Gelegenheit, die Schreckgespenster des Weißrussen Lukaschenko und des Russen Putin zu bannen. Mit dem europäischen Tachometer lässt sich das schwer messen. Litauen vereint sämtliche Geschwindigkeiten in sich und stellt obendrein jeden Begriff von Rand und Mitte auf den Kopf. Es steht für Entschleunigung und Beschleunigung, und es feiert sich sowohl als Paradies aus Seen, Sand und Wäldern wie als Paradies für Start-ups mit Breitband-Internet. Das Versprechen: Hier gibt es WiFi bis ins Unterholz.

Vor dem klassizistischen Präsidentenpalast in Vilnius, gleich gegenüber der Universität, steht in riesigen Lettern „#LAISVE“, Hashtag Freiheit. Für die parteilose Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Grybauskaitė, die hier seit 2009 zu Hause ist, ist das keine bloße Formel. Weder in Sachen Krim-Annexion noch in Sachen Trump nimmt sie, die sie mit allen kommunistischen Weihen bis ins dritte Lebensjahrzehnt kam, kein Blatt vor den Mund. Auch gegenüber Journalisten, die ihr – welche Tradition in einem sonst so fortschrittlichen Land – unangemeldete Fragen stellen, kennt die Frau mit dem schwarzen Karategürtel kein Pardon.

Zusammen mit Premierminister Saulius Skvernelis von der LVŽS, dem im Dezember an die Regierung gekommenen Bund der Bauern und Grünen, fürchtet sie nichts mehr, als noch einmal die Eigenständigkeit zu verlieren. Die rund 450 in Litauen stationierten deutschen Nato-Soldaten sind ein Signal an den russischen Bären, bis zum Sommer folgt ein zweites Kontingent aus anderen Ländern.

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