Kultur : Leipziger Buchmesse: Wo Europa liegt

Greogor Dotzauer

Alle Jahre wieder treffen sich in Leipzig Menschen, die Europa mit der Seele suchen. Und weil sie meistens auch nach vier Tagen Buchmesse nichts gefunden haben, das halbwegs klar zu fassen wäre, vertagen sie sich bis zum jeweils nächsten Mal. Vor zwei Jahren kämpften die Bulgaren darum, auf der Landkarte überhaupt aufzutauchen. Weil aus westeuropäischer Perspektive dort hinten, wo die Lichter der Boutiquen allmählich verlöschen und die Weiten eines galizischen, transsylvanischen oder sonst wie genannten Hinterlandes beginnen, ohnehin die Welt zu Ende ist. Im vergangenen Jahr rückte der venezianische Philosoph und Bürgermeister Massimo Cacciari dem Begriff Europa dekonstruktivistisch zu Leibe und schwurbelte so genialisch daher, dass die versammelten Magnifizenzen und Exzellenzen schwer beeindruckt waren.

Zum Thema Online Spezial: Buchmesse Leipzig Dieses Jahr betritt zur Messeeröffnung ein kleiner schlanker Mann von bald siebzig Jahren die Bühne des Gewandhauses und erinnert sich mit leiser Stimme an Kindertage auf dem Land, an die Großeltern und an die Bücher, die ihn prägten. Und weil er in seiner Rede "Mein Europa" zwar viel zu erzählen hat, es aber jedem selbst überlässt, daraus Schlüsse zu ziehen, erfährt man mehr über die Kräfte, die in diesem Phantasma Europa am Werk sind, als aus den Beschwörungsformeln, die es für die Wirklichkeit nehmen.

Als polnischer Jude hat er einmal Ludwik Beglejter geheißen. Nun, als amerikanischer Staatsbürger, heißt er Louis Begley und ist nicht nur ein erfolgreicher Anwalt in New York, sondern seit seinen "Lügen in Zeiten des Krieges" auch in Deutschland ein viel gelesener Schriftsteller. Er kann über dieses Land nicht viel sagen, außer dass er hier viel gelesen wird und seine Leser mit den Deutschen, die das Flüchtlingsschicksal seiner Familie vom Ersten Weltkrieg an bestimmten, offenbar nicht mehr viel zu tun haben. Wenn es eine Hierarchie der Länder gäbe, sagt Begley, dann seien das für ihn Polen, dann Frankreich und schließlich Italien. Aber die Pointe seiner Ausführungen ist, dass die Leseerlebnisse, die er mit diesen Ländern verbinde, in der Lage seien, die realen Erlebnisse zu überlagern, ja sie erst wachzurufen. Polen sind für ihn Adam Mickiewiczs Nationalpoem "Pan Tadeusz" und Witold Gombrowiczs "Ferdydurke". Frankreich verknüpft er mit Marcel Proust und Pierre Jean Jouve. Und sobald er etwas aus seiner Vergangenheit aufschreibe, das im ersten Augenblick noch Fiktion sei, werde es wenig später für ihn zur erinnerten Realität.

Es mag sein, dass man derlei auf Buchmessen, wo die Macht der Phantasie gefeiert wird, allzu gerne sagt. Aber vermutlich ist es der einzige Weg, einem Hirngespinst wie Europa Bodenhaftung zu verleihen. Louis Begley jedenfalls hat alles, was er in der Wirklichkeit verloren und in der Kunst wieder entdeckt hat, am Ende doch wieder in der Wirklichkeit gefunden.

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