Kultur : Lektionen in Glas und Beton

München baut ein NS-Dokumentationszentrum. Das Ausstellungskonzept ist umstritten.

Martin Hecht
Geschichtskubus. Das Museumshaus in der Brienner Straße, entworfen vom Berliner Architekturbüro Georg Scheel Wetzel, entsteht genau dort, wo einst das „Braune Haus“ standt, die Parteizentrale der NSDAP. Simulation: NS-Dokumentationszentrum München
Geschichtskubus. Das Museumshaus in der Brienner Straße, entworfen vom Berliner Architekturbüro Georg Scheel Wetzel, entsteht...

Nachdem man in München fast 70 Jahre lang seiner braunen Vergangenheit nur mit vereinzelten Gedenktäfelchen und leicht übersehbaren Kleinmonumenten gedacht hat, wird jetzt geklotzt. Ein kubistisches NS-Dokumentationszentrum entsteht exakt an der Stelle, an der früher die Parteizentrale der NSDAP stand, das „Braune Haus“. Auch in München möchte man die Vergangenheit nicht nur „entsorgen“, wie Odo Marquard es genannt hat, sondern den Gegenwartsbezug herstellen. Aber worin besteht er konkret? Außer einer die Räume vage durchdringenden Leitfrage „Was geht mich das an?“ ist dem Ausstellungskonzept dazu nichts zu entnehmen.

Irmtrud Wojak, die vor knapp einem Jahr von ihrer Funktion als Gründungsdirektorin des Zentrums entbunden wurde, hatte da noch Klartext geredet. Nach ihren Ideen sollte ein interaktiver Lern- und Erkenntnisort entstehen, in den Überlebende und Nachkommen der Opfer wie der Täter ihre eigene Geschichte hätten einbringen können. Die anderen sollten die Möglichkeit haben, Geschichte selber zu recherchieren und sich mittels einer Open-Access-Datenbank auszutauschen. Wie beim „Ort der Information“ des Berliner Holocaustmahnmals wollte Wojak den Schwerpunkt des NS-Zentrums auf die Rekonstruktion von Biografien legen. Der Besucher sollte die NS-Vergangenheit auch in seiner eigenen Familiengeschichte, der eigenen Generation, der eigenen Stadt, der eigenen Straße aufspüren können.

Von Wojaks Ideen war man in München nicht überzeugt. Man erwartete Form, nicht Inhalt, wollte Architektur, Schautafeln, Grafiken – bekam aber erst einmal Antworten auf Fragen nach Sinn und Zielrichtung einer solchen Einrichtung. Es haben wohl auch jede Menge gekränkter Eitelkeiten eine Rolle gespielt. Die renommierte Historikerin musste gehen, ohne dass man ihr die Chance gegeben hätte, ihr Konzept umzusetzen.

Wojak wollte Geschichte lebendig werden lassen. Recherchieren, aufspüren: Das hätte vor allem Forschung bedeutet. Zwar existiert mittlerweile ein mit knapp 2,3 Millionen Euro ausgestattetes Programm zur Erforschung der NS-Zeit in München, aber das wurde an den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität vergeben. Das Münchner Stadtarchiv soll die Forschungsgelder federführend verwalten. Offenbar will die Stadt die Kontrolle über die Aufarbeitung der eigenen Geschichte nicht aus den Händen geben.

„Warum München?“ lautet die Gründungsfrage des NS-Zentrums auch im neuen Konzept. Wie konnten sich die Nationalsozialisten ausgerechnet hier sammeln und zur Bewegung auswachsen? Gewiss muss man bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückgehen, um eine Erklärung für die Münchner Exzesse der zwanziger Jahre zu finden. Damals wurden die Grundlagen für völkisches Denken und Antisemitismus gelegt. Aber das jetzige Konzept verkürzt die Vorgeschichte und ignoriert die Vorboten, wie sie sich unter Wagner-Fanatikern finden, im Kreis um den Dichter Stefan George, im geistfeindlichen Teil des Großbürgertums.

Warum München? Weil keiner das eigene Nest beschmutzen will, wird in der bayerischen Hauptstadt gern auf die allgemein deutschen Faktoren verwiesen, wenn es um die Geburtsstunde des Nationalsozialismus geht: Wirtschaftskrise, Militarismus, Reaktion auf die Räterepublik, Kleinbürgerverunsicherung. Sicherlich gehörte München zur deutschen Kaiserreichsgesellschaft, war aber doch ein Biotop ganz eigener Art. Der Nationalsozialismus kam nicht von außen über die Stadt wie eine Naturkatastrophe, er kam aus ihrem Innersten. Die Nazis wurden in München groß, weil sie Verbündete in der Regierung hatten, weil viele Münchner sie schlicht wollten.

Und nach 1945? Die „Entnazifizierung“, liest man in der Ausstellungskonzeption, solle einen breiten Raum einnehmen. Wird es auch um die unterbliebene Entnazifizierung in den Jahrzehnten danach gehen? Um die strafrechtliche Nichtverfolgung von NS-Tätern durch bayerische Behörden zum Beispiel? Mit den Justizfällen der SS-Männer Anton Malloth und Claas Karel Faber reicht das bis in die unmittelbare Gegenwart. Beide lebten jahrzehntelang unbehelligt im Freistaat. Faber wurde bis zu seinem Tod am 24. Mai 2012 vom Simon-Wiesenthal-Center auf Platz 3 der Liste international gesuchter NS-Verbrecher geführt, zuletzt mit europäischem Haftbefehl.

Die Kontinuitäten von der NS-Zeit bis in die jüngere Vergangenheit aufzudecken, in der Stadtverwaltung, der Landesregierung, dem Justiz-, dem Innenministerium, der Staatskanzlei und der Polizei – das wurde in München bis heute nicht wirklich betrieben. Das wäre die Aufgabe des neuen Zentrums: die Münchner Geschichte als Geschichte des Wohlwollens gegenüber der Nazi-Bewegung vor 1933 nachzuzeichnen – und als Geschichte der Nichtbefassung mit geschehenem Unrecht nach 1945 bis heute. Auch das wäre ein Gegenwartsbezug.

Bei der Präsentation des Konzepts durch das Professorenquartett Marita Krauss, Peter Longerich, Hans-Günter Hockerts und Winfried Nerdinger, der mittlerweile als neuer Direktor eingesetzt ist, wurde ein chronologisch orientiertes Konzept vorgestellt, das keine Aspekte irgendeiner neuartigen ausstellungsdidaktischen Herangehensweise enthält. Was fehlt, ist eine Diskussion über die Art und Weise, wie dieses vielleicht letzte hierzulande entstehende Großprojekt zum Nationalsozialismus inhaltlich ausgestaltet werden soll. Die Baufundamente sind gelegt, die Eröffnung ist für das Frühjahr 2014 geplant.

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