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Leonard Cohen : Der erste und der letzte Tanz

07.09.2012 00:00 Uhrvon

Was lange währt, war immer schon gut: Leonard Cohen gibt in der Berliner Waldbühne ein bewegendes Konzert.

Neue Songs und alte Ideen

Aber der Reihe nach. Nichts vergessen, keine Träne verschütten. Der Auftakt ist schon überwältigend: „The Future“, „Bird on the Wire“, „Everybody Knows“. Die Tour, die ihn quer durch Europa führt, mit Auftritten in der Arena di Verona, Dublin (vier Konzerte), Wembley (zwei Abende!), heißt nach dem aktuellen Album „Old Ideas“ – und da kommen sie, die neuen Songs, „Amen“, „Darkness“, „Going Home“. Und mit ihnen kommt ein schleppender Ton, bon soir tristesse: Der Mann ist aber auch nicht mehr so jung, wie er eigentlich niemals war, und natürlich darf er diese dunklen Stimmungen ausfüllen, die früher aber etwas Kokettes, Verspieltes hatten. Jetzt ist die Lebensperspektive ernster, enger, die Optionen reduzieren sich, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Aber der Mann ist nicht nur mit der „golden voice“ beschenkt, sondern auch mit unglaublichem Humor. Wenn das Alter ein Anzug wäre, Leonard Cohen würde man ihn abkaufen. Auch gebraucht.

Plötzlich liegt ein Geschmack von Abschied auf allem. Ist er nicht doch ein wenig wacklig geworden, wie er sich da vor seinen Musikern hinkniet, vor dem Publikum an der Rampe? Ausführlich stellt er die Band vor, die der Bassist Roscoe Beck seit Jahrzehnten leitet – mit Javier Mas, der wie ein Flamencomeister die Gitarre zupft und rupft, die Mandoline zum Flirren bringt, mit dem hauchzarten Geiger Alexandru Bublitchi, mit den englischen Webb-Sisters (so hätte man es in Goethes Zeiten gesagt, englisch als Adjektiv von Engel, und Hattie und Charley kommen ja auch von der Insel) und mit Sharon Robinson, Cohens Co-Autorin und Begleiterin so vieler Jahre. Sie singt nachher solo „Alexandra leaving“, und da zeigt sich, dass sie als Background-Frau unter Wert verkauft ist, wie einst Jennifer Warnes, an die sich Cohen-Fans so gern erinnern. Auf der „Old Ideas“-CD ist sie auch mal wieder zu hören. Nun die Verbeugungen und das sonore „Thank you, my friends, you are so very kind ...“ – ist es vorbei? Geht er schon? Hat er keine Luft mehr?

Cohen spielt mit der sich anbahnenden Enttäuschung – und verkündet, dass jetzt Pause sei. Über den „Tower of Song“ (eine souverän selbstironische Dichtung) steigt er zu eben noch ungeahnten Höhen auf. Ja, die Erwartungen: „Suzanne“ lässt sich nicht lange bitten, und „I’m your Man“, in das er sich mit großer Lust und frischer Phrasierung vertieft, wird zur Hymne. Ein Hymniker ist er ohnehin. Beim „Hallelujah“ springen viele auf, es ist durch etliche leider kitschige Coverversionen sein populärstes Lied. So groß, so schön, so unsagbar traurig und elegant erzählt es, wie Kunst und Glaube entstehen kann und wie Liebe, körperliche Liebe stirbt. Der stärkste Vortrag des Abends: „The Partisan“, ein Song der französischen Résistance. Die Band steht in einer Reihe, der Rhythmus marschiert, Cohen treibt mit der Gitarre die Worte vor sich her: vom kalten Wind über den Gräbern und von namenlosen Helden, die stumm sterben, wenn die Soldaten kommen.

Der erste und der letzte Tanz, sie wollen sich berühren. Einst war Leonard Cohens Kosmos ein Schutzraum der Jugend. Jetzt leuchtet sein Stern in einem tieferen Dunkel.

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