Leonardo da Vinci und seine "Mona Lisa" : Das Lächeln, das aus dem Rahmen fiel

Sie war bestellt und wurde nie ausgeliefert, wurde gestohlen und wie ein Staatsgast geehrt. Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, seit 1914 zurück im Louvre, ist das berühmteste Bild der Welt. Warum eigentlich?

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Leonardo da Vincis "Mona Lisa", um 1503 gemalt.
Bitte lächeln: Leonardo da Vincis "Mona Lisa", um 1503 gemalt.Foto: dpa

Als Andy Warhol eine Fotografie der „Mona Lisa“ zur Vorlage für ein Siebdruckbild nahm, meinte der Meister der Pop-Art nicht das ursprüngliche Gemälde als vielmehr die Ikone. Eine Ikone ist ein Symbol, das keiner Erklärung bedarf; etwas, das sich ins allgemeine Bewusstsein eingeprägt hat, ohne dass damit eine in Worten fassbare Aussage zwingend verbunden wäre.

Wie konnte das Gemälde zu einer solchen Bedeutung gelangen? Noch dazu eines, das nur eine einzelne, nicht geläufige Person zeigt, nicht etwa eine biblische oder weltliche „Historia“?

Wie konnte es dazu kommen, dass das mit 77 mal 53 Zentimetern eher bescheiden dimensionierte Bildnis einen eigenen Saal im Pariser Louvre beansprucht – Denon-Flügel, erstes Obergeschoss –, um die Besuchermengen fassen zu können, die tagein, tagaus in gebührendem Abstand vor dem Bild stehen, staunen und – filmen und knipsen?

Die „Mona Lisa“ gilt vielen heute, wie es der Leonardo-Experte Frank Zöllner von der Universität Leipzig in seinem Werkverzeichnis aller Gemälde bündig ausdrückt, als „das berühmteste Gemälde der Welt“. Zöllner: „Die ,Mona Lisa‘ wurde zum Inbegriff des neuzeitlichen Porträts.“

Leonardo da Vincis Bild ist eine Ikone

Das Bild, von Leonardo da Vinci um 1503 geschaffen, ist eine Ikone – und zwar der Kunst und des Künstlergenies schlechthin. Leonardos Lebenszeit von 1452 bis 1519 überdeckt sich genau mit der Renaissance, ihrem Siegeszug und ihrer Hochblüte um 1500 wie auch schon ihrem Übergang in manieristische Übersteigerung. Die eigentliche Aussage des Porträts jedoch ist völlig in Vergessenheit geraten, zumal der heutige Betrachter komplexe Altmeistergemälde nicht mehr „lesen“ kann. Die „Mona Lisa“, so die gängige und gewiss nicht falsche Auffassung, huldige der weiblichen Tugend – immerhin war die Dargestellte die Ehefrau eines wohl beleumundeten Florentiner Kaufmanns. Aus ihrem Namen Lisa del Giocondo leitet sich die im romanischen Sprachraum übliche Bezeichnung als „La Gioconda“ ab, was zugleich „die Heitere“ bedeutet – und so auch auf ihr alle Welt faszinierendes Lächeln anspielt.

Zu seiner Entstehungszeit freilich zählte das Porträt nicht zu den Werken, mit denen Leonardo das größte Aufsehen der Öffentlichkeit erregte. Andere Arbeiten standen stärker im Fokus und wurden Teil des damaligen kollektiven Bildgedächtnisses. Neben dem Mailänder „Abendmahl“ war dies vor allem die „Anghiari-Schlacht“, sein frühes Florentiner Hauptwerk, ein Fresko im Regierungssitz Palazzo Vecchio, der Machtzentrale der zwischen Republik und Fürstenherrschaft hin- und hergerissenen Stadt.

Künstlerkollegen schätzen "Mona Lisa" sofort

Leonardo da Vinci.
Leonardo da Vinci malt die "Mona Lisa", das Porträt einer Kaufmannsgattin, das zur Feier ihres gesund geborenen Kindes in Auftrag...Foto: akg-images

Leonardos Künstlerkollegen indessen schätzten die „Mona Lisa“ sofort, und blitzschnell wurden die malerischen Neuerungen, die Leonardo mit ihr einführte, zum Gemeingut der Renaissance: die Ansicht des zum Betrachter hingedrehten, plastisch hervortretenden Körpers statt der zuvor üblichen Profilansicht, die Ausmalung eines Landschaftshintergrundes, schließlich die Luftperspektive, die Farbveränderung hin ins Blau mit der zunehmenden Entfernung entsprechenden Landschaftsteilen. Mit Leonardo wird die perspektivische Darstellung der Welt, diese große Revolution der Renaissance, über die bloße geometrische Richtigkeit hinaus vollkommen und entspricht nun der menschlichen Sinneswahrnehmung. Das „Sfumato“ allerdings, dieser leichte Dunstschleier über allen Dingen, blieb Leonardos ganz eigene Leistung.

Dabei ist, was heute als „Sfumato“ gilt, eher das Ergebnis jahrhundertelangen Vergilbens der obersten Firnis. Dem Gemälde wurde das Geheimnisvolle umso lieber zugeschrieben, als es von vorneherein rätselhaft erschien und sein Geheimnis unter einer kaum noch durchdringlichen Malschicht verbarg.

Die durchaus eigenwillige Lebensweise Leonardos, dem die Malerei nur eine unter vielen Beschäftigungen bedeutete und der sich weit intensiver mit den gerade erst im Entstehen begriffenen Naturwissenschaften befasste, verstärkte den Eindruck des Geheimnisvoll-Genialischen, den seine Gemälde hervorriefen.

Die meisten wollen Leonardo da Vincis "Mona Lisa" sehen - oder zumindest fotografieren.
8,4 Millionen Besucher zählt der Pariser Louvre im vergangenen Jahr. Die meisten wollen Leonardo da Vincis "Mona Lisa" sehen -...Foto: picture-alliance/ dpa

Leonardo erhielt eine Ausbildung in Florenz

Leonardo, 1452 als uneheliches Kind geboren, doch von seinem Vater adoptiert, wuchs in Florenz auf und erhielt eine gediegene Ausbildung bei einem der führenden Künstler der damaligen Metropole. Das Bildnis der „Mona Lisa“ malte er als reifer Mann zwischen 1503 und 1506, als er nach langjährigem Dienst am Hof der Mailänder Fürstenfamilie der Sforza nach Florenz zurückgekehrt war. Ohne feste Anstellung, beschäftigte er sich mit wechselnden Auftragsarbeiten – mal mehr, mal weniger, wie denn auch Zeitgenossen beklagten: „Um ein ganzes Werk zu meistern, fehlt ihm das feste Band der Disziplin“, lästerte beispielsweise Gaspare Visconti 1499.

Die „Mona Lisa“ zählt zu jenen drei Gemälden, die Leonardo 1517 auf dem Weg zu seinem letzten und großzügigsten Auftraggeber mit sich führte, zu Franz I., dem zwei Jahre zuvor gekrönten französischen König. Die beiden anderen Werke waren die Darstellung Johannes des Täufers sowie, als schwierigste Komposition, das Gemälde der „Anna selbdritt“, also der Darstellung Mariens mit ihrer Mutter Anna und dem Jesuskind. So erklärt sich, warum alle drei Werke heute im Louvre bewahrt werden, dem französischen Nationalmuseum: François I. erwarb sie nach Leonardos Tod von dessen als Erben eingesetzten Schüler Salai.

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