Kultur : Lernen an den Orten von Opfern und Tätern

GERWIN KLINGER

Rund 2000 Gedenkorte für die Opfer des Nationalsozialismus registriert eine Dokumentation für das Gebiet der alten Bundesrepublik.Neben den namhaften Gedenkstätten in Dachau, Bergen-Belsen und Flossenbürg verzeichnet sie auch Unscheinbares, wie etwa die Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof des westfälischen Städtchens Fröndenberg.Sie erinnert an vier jüdische Frauen aus dem Ort, die nach einem gescheiterten Aufstand in Auschwitz auf dem Appellplatz erhängt wurden.2000 Gedenkorte - ist das die "Dauerpräsentation unserer Schande", an der sich Martin Walser stößt, oder doch eher wenig verglichen mit den ungezählten Kriegerdenkmälern?

Wichtiger als schiere Zahlen ist, an was, wie und wozu erinnert und gemahnt wird."Historische Stätten aus der Zeit des Nationalsozialismus - Orte des Erinnerns, Gedenkens und der kulturellen Weiterbildung?" - so der Titel der Tagung des Historischen Museums in dieser Woche, die einen Überblick über den Umgang mit den historisch bedeutsamen Orten aus der NS-Zeit gab.Vertreten waren auf der einen Seite die KZ-Gedenkstätten Buchenwald, Bergen-Belsen, Dachau, aus Berlin die "Topographie des Terrors", das "Haus der Wannsee-Konferenz" und die "Gedenkstätte Deutscher Widerstand".Einrichtungen, die geraume Zeit bestehen, finanziell abgesichert sind, mit durchdachten und erprobten Konzepten arbeiten und steigende Besucherzahlen aufweisen.Ihre Aufgabe - Erinnern, Gedenken und Bildung - richtet sich auf den konkreten historischen Ort oder leitet sich von ihm ab.

Das "Haus der Wannsee-Konferenz" thematisiert die Vernichtung der europäischen Juden.Die ergebnisoffene Pädagogik moralisiert nicht, sondern vertraut auf die Eigeninitiative der Schüler, die von selbst auf "moralische Fragen" stoßen.In der Gedenkstätte Buchenwald ist die Vielschichtigkeit des historischen Ortes durchzuarbeiten: die Nähe zu Weimar und zur deutschen Klassik, das KZ der NS-Zeit, das NKWD-Lager der sowjetischen Besatzer und schließlich die "Nationale Gedenkstätte der DDR", die als steinernes Deutungsarrangement in den Ort hineingebaut ist.Ein Lernprozeß, der ein "selbständig entwickeltes Geschichtsverständnis" fördert und auch die "Konfrontation mit der Gegenwart" einschließt.

In gewisser Weise bilden diese Einrichtungen heute das Establishment der Gedenkstätten, wiewohl ihr Verhältnis zur Politik immer wieder von Spannungen geprägt ist.Die "Topographie des Terrors" mußte dem Senat anläßlich der 750-Jahrfeier 1987 abgetrotzt werden.Die "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" hat ihr breites Konzept von Widerstand geradezu in der Abwehr politischen Drucks entwickelt.Zu gerne hätte man eine staatsakttaugliche Gedenkstätte "20.Juli 1944" gehabt, die den Widerstand von Kommunisten und Pazifisten ausblendet.

Auf der anderen Seite - und hier liegt der Hauptverdienst der Tagung - präsentierten sich die jüngeren Projekte: Das Parteitagsgelände in Nürnberg, der Obersalzberg, die "Kraft durch Freude"-Ferienanlage Prora auf Rügen oder das Raktentestgelände in Peenemünde.Hier war der NS-Staat nicht Terrorregime, sondern zeigte sein ideologisches Schaufenster: Führerkult, entfesselte Produktivkräfte und anheimelnde Volksgemeinschaft.Historische Orte mithin, die keinen immanenten Gedenkauftrag formulieren, aber gleichwohl nach einem historisch-kritischen Umgang verlangen.Peenemünde auf Usedom gibt ein eindrückliches Bild der Schwierigkeiten.Die Raketentestanlage wurden 1948 demontiert und gesprengt.Den Flugplatz nutzte zuerst das sowjetische Militär, dann die NVA.Die Auflösung der NVA bedeutete für den Großteil der Peenemünder Arbeitslosigkeit.Die Geschichte des Museums begann 1991 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.In einem "Historisch-Technischen Informationszentrum" stellte ein Förderkreis ehemaliger NVA-Angehöriger seine militärischen Exponate aus.70 000 Besucher kamen auf Anhieb, in diesem Jahr sind es bereits 250 000.Erst internationale Proteste verhinderten im Oktober 1992 eine 50-Jahr-Feier der deutschen Raumfahrtindustrie anläßlich des ersten "V2"-Starts.Spät griff die Landesregierung ein und berief eine Projektgruppe, die das "Historisch-Technische Informationszentrum" in ein Museum überführen soll.Das alte Peenemünder Kraftwerk soll nun zum Ausstellungsgebäude umgebaut werden; inhaltlich soll die Verflechtung von Raktenforschung mit Kriegsplänen und Zwangsarbeit bearbeitet werden.Doch zwingt der unsichere Gesamtrahmen zu Konzessionen an den Publikumsgeschmack.Ein Technikstrang mit Großexponaten soll die "hohe Attraktivität" des Ortes erhalten.

Eine fruchtbare Lösung zeichnet sich für das Parteitagsgelände in Nürnberg ab.Bis heute finden dort Motorsportrennen, Gottesdienste und Rockkonzerte statt; Teile der Anlage wurden für eine Trabantenstadt gesprengt.Erst Mitte der achtziger Jahre wurde hier die Ausstellung "Faszination und Gewalt" installiert.Die aktuellen Pläne sehen den Bau eines "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" vor, das die Motivationsmaschinerie des NS kritisch behandelt.Die Inszenierungen der NS-Propaganda, die Legenden und Mythen der NSDAP sollen durch die kontrastierende "Perspektive von unten" entmächtigt werden.Wenig Zutrauen indes wecken die Planspiele für die riesenhafte KdF-Ferienanlage in Prora.Man möchte eine wirtschaftliche Mischnutzung: Tourismus, Wohnen und "Einrichtungen, die die Geschichtlichkeit des Ortes vermitteln".Aber wie? "Prora ist ein objet trouvé im Sinne von Marcel Duchamp, das neu interpretiert werden muß", hieß es bei der Präsentation.Die Zeitgeistphrase verdeckt kaum die konzeptionelle Hilflosigkeit.Man ahnt: Hier läuft letztlich alles auf die Suche nach dem potenten Investor hinaus.Vielleicht ist Prora ja doch einer derjenigen Orte, die man nach Meinung des TU-Historiker Wolfgang Benz besser dem Vergessen überantworten sollte, weil an ihnen nichts zu lernen ist.

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