Kultur : Lesende Leichen

Wie Zombies die Hochkultur retten: Geisterjäger John Sinclair ermittelt im Literaturbetrieb

Bodo Mrozek

Für Bettina Fischer war es ein Tag wie jeder andere. Gegen acht Uhr morgens hatte die Geschäftsführerin des Kölner Literaturhauses ihren Wagen auf dem Parkplatz und den Schirm im Ständer abgestellt. Dann hatte sie die Tür der Buchhandlung im Mediapark aufgeschlossen. Als sie gerade die Zeitungspakete in den Laden holen wollte, gefror ihr das Blut in den Adern. Vor der Tür lag eine Leiche. Man hatte das Opfer regelrecht geschlachtet. Wer, oder besser gefragt, was konnte eine solche Tat begehen, an der nichts Menschliches mehr war?

Dass der Kulturbetrieb in seinem Innern nicht gerade ein Erholungsheim ist, weiß man schon länger. Leere Kassen, Krisen, Konkurrenzkämpfe ist man dort gewohnt. Aber Monster, Mumien, Mutationen? Die Kölner Ereignisse forderten deshalb einen Krisenmanager, wie man ihn hierzulande kaum findet. Einen Experten.

John Sinclair ist Spezialist für Unmenschliches. Wenn die Bleikugeln aus der Polizeipistole einen Gegner nicht stoppen können und unsere Schulweisheit mal wieder nicht weiter hilft, dann ruft man den Sonderermittler von Scotland Yard. Denn Sinclair ist kein gewöhnlicher Oberinspektor. Man nennt ihn den Geisterjäger.

Mit einem geweihten Kruzifix und einer mit Silberkugeln geladenen Beretta bekämpft Sinclair das Böse. Nichts kann ihn dabei schrecken, außer vielleicht die Hochkultur. Denn Sinclair ist ein Held der Pulp-Novel im Groschenheftformat. Seine Erlebnisse erscheinen im Verlagshaus Lübbe aus Bergisch-Gladbach, einer letzten Bastion der klassischen U-Kultur. Der Dortmunder Autor Helmut Rellegard, seinen Lesern besser bekannt unter dem Künstlernamen Jason Dark, tippt die Gruselgeschichten seit 25 Jahren in die Tasten seiner Schreibmaschine vom Typ „Gabriele“. Der kreative Output des 59-Jährigen, täglich 30 Seiten mit Durchschlag auf Kohlepapier, füllt mittlerweile mehr als 1350 Romanheftchen.

Dass er – im aktuellen Heft der Reihe – nun seinen äußerst erfolgreichen Helden ins Fegefeuer der eitlen Hochkulturszene schickt, ist mehr als ungewöhnlich, dient aber dem guten Zweck, nämlich der Renovierung des Literaturhauses. Wer dafür Geld spendete, konnte sich von Rellegard-Dark im Heft 1374 mit dem düsteren Titel „Zombies im Mediapark“ als literarische Figur verewigen lassen. Auf diese Weise sei nicht nur eine „horrende Summe“ (Thomas Böhm) zusammengekommen, sondern auch eine Literaturbetriebsbesichtigung der anderen Art.

„Literaturhausobermacker“ (Jason Dark) Thomas Böhm erscheint schon auf dem Cover in ungesunder Gesichtsfarbe, im Kreise lebender Leichen. Nach 50 Seiten mutiert er dann zum Satanspriester, der seine Geschäftsführerin dem Todeskuss eines Zombies überlassen würde. Wenn nicht John Sinclair wäre. Die Hilfe des Geisterjägers ist dem Literaturhaus hoch willkommen, Autor Dark spricht jedoch von einer „einmaligen Aktion“. Dabei könnte der Kulturbetrieb dringend Hilfe brauchen. Jason Dark erregt nicht nur mit einer Gesamtauflage von 270 Millionen Exemplaren den Neid der Verlagskollegen, auch seine Arbeitsweise ist ungewöhnlich pragmatisch: „Was ich einmal getippt habe, lese ich nicht Korrektur (...) – ich finde das langweilig.“

Köln mit seinen 250 Medienfirmen im Schatten des Doms ist eine unheimliche Stadt. Überall lauern Blutsauger auf Nachrichten, Gerüchte, Skandale. Und kam uns das Fressen und Gefressenwerden im Kultur-Medienzirkus nicht schon immer etwas zombiehaft vor? Das Kölner Modell könnte Schule machen. Die Buchmessestadt Frankfurt mit ihren futuristischen Hochhausschluchten wäre ein ideales Terrain für Perry Rhodan, den Weltraumpolizisten. Und auch im Berliner Kulturdschungel gäbe es viel zu tun. Jerry Cotton, übernehmen Sie!

Jason Dark: Zombies im Mediapark. Geisterjäger John Sinclair Band 1374. Bastei Verlag. 62 Seiten, 1,50 Euro.

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