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LESESTOFF : LESESTOFF

15.08.2010 15:28 Uhrvon

Manfred Gailus:

Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. 320 Seiten, 24,90 Euro.

Wie eine Widerstandskämpferin sah sich nicht gerade aus in ihrem grauen Faltenrock. Und doch war Elisabeth Schmitz entschlossener und vor allem weitsichtiger als die meisten ihrer Zeitgenossen. Schmitz stammte aus einer evangelischen Lehrerfamilie, studierte in Berlin bei Friedrich Meinecke und Rudolf von Harnack Geschichte und Theologie und unterrichtete als Studienrätin am Luisen-Oberlyzeum in Berlin-Mitte. 1935 versuchte sie die Synode der Bekennenden Kirche mit einer von ihr verfassten Denkschrift zu einem klaren öffentlichen Einspruch gegen antijüdische Hetze in der Presse, gegen Berufsverbote und Boykotte zu bewegen.

„Wie soll man antworten auf all die verzweifelten, bitteren Fragen und Anklagen: Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen?“, fragte sie und analysierte klar: „Man nimmt durch grausame Gesetze den Menschen die Erwerbsmöglichkeit, man zieht die Schlinge langsam immer enger zu, um sie allmählich zu ersticken, man weiß, sie werden verelenden, und schützt sich beizeiten davor, die Opfer dieser Grausamkeit dann vielleicht unterstützen zu müssen.“ Schmitz ahnte 1935, dass am Ende der systematischen Ausgrenzung die Vernichtung stehen würde. Doch dem Kirchenparlament fehlte der Mut, Schmitz’ Denkschrift kam nicht zur Sprache. 1938 quittierte die junge Lehrerin ihren Dienst, weil sie nicht länger die nationalsozialistische Propaganda unterrichten wollte. In ihrer Berliner Wohnung versteckte sie verfolgte jüdische Freunde. In ihrer Heimatstadt Hanau, in der Schmitz nach dem Krieg bis zu ihrem Tod 1977 lebte, hat man ihr einen Gedenkstein gesetzt. In Berlin ist sie weitgehend vergessen. Der Berliner Historiker Manfred Gailus will das ändern und hat jetzt in einer verdienstvollen, gut lesbaren Biografie Leben und Denken der außergewöhnlichen Frau nachgezeichnet. Claudia Keller

Lars Winkelsdorf: Waffenrepublik Deutschland. Der Bürger am Abzug. Fackelträger Verlag, Köln 2010. 330 Seiten, 19,95 Euro.

Dies ist kein Buch für Waffenhasser. Es ist ein Buch über Waffenbesitzer, legale wie illegale. Über Waffengesetze, über Missbrauch – und den gesetzgeberischen und juristischen Irrsinn in Deutschland. Denn, so sagt der Titel des Buches nicht zu Unrecht, dieses Land ist eine Waffenrepublik. Geschätzte 40 Millionen Schusswaffen gibt es in deutschen Haushalten. Und die Hälfte davon ist illegal. Der Autor kennt sich aus in der Materie: Er arbeitet als Schießlehrer und selbstständiger Fachdozent in der Sicherheitsbranche. Darüber hinaus hat er bereits ein Fachbuch zur Schießausbildung veröffentlicht. Lars Winkelsdorf gelingt es in seinem aktuellen Buch, überzeugend darzustellen, warum es in Deutschland nicht an schärferen Waffengesetzen fehlt. Denn: Hier existiert bereits eines der schärfsten in ganz Europa. Aber es geht an der Wirklichkeit vorbei. Die populistischen Rufe nach härteren Regelungen entlarvt Winkelsdorf denn auch als das, was sie sind – Polittheater. Die Diskussion um schärfere Gesetze und das Verbot einzelner Waffenarten wird durch eine Reihe von Vorurteilen und falschen Bildern dominiert. Ein Beispiel: die sogenannte Pumpgun. Der Amokläufer Robert S. hatte eine solche Waffe dabei, als er 2002 in einem Erfurter Gymnasium 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. Aus der Pumpgun fiel damals allerdings kein Schuss. Winkelsdorf zeigt auf, dass am Ende die öffentliche Aufgeregtheit ausschlaggebend dafür war, diese Flinten, mit denen bei Olympia auf Tontauben geschossen wird, zu verbieten. Waffen, die die gleichen Patronen verschießen, die gefährlicher sind, auf größere Entfernung töten können, sind in Deutschland weiterhin legal zu erwerben. Denn ihr „Vorteil“ ist, dass sie nicht so martialisch aussehen wie eine Pumpgun. Ein ähnliches Argumentationsmuster betrifft die Debatte um Groß- und Kleinkaliber. Die Diskussion setzte nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten im Jahr 2009 ein. Großkaliber, hieß es, hätten in den Händen von Sportschützen nichts zu suchen. Großkaliberschießen sei nicht olympisch und deshalb zu verbieten. Die Tatsache, dass Kleinkaliberwaffen allein schon wegen ihrer Handlichkeit von wild entschlossenen Amokläufern besser einzusetzen sind, wurde in der Diskussion geflissentlich verdrängt. Groß gleich böse war die Maxime. Doch die eigentliche „Meuchelwaffe“, so führt Winkelsdorf aus, bleibt das Kleinkaliber. Der Autor führt dem Leser eine Vielzahl von Beispielen, Statistiken und Hintergründen vor Augen. Nicht alles muss man wissen. Aber es hilft ungemein, in zukünftigen Debatten heiße Luft von harten Fakten unterscheiden zu können. Lutz Haverkamp

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