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Hannes Schwenger

Wolfgang Bauernfeind:

Tonspuren. Das Haus des Rundfunks in Berlin. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 192 S., 29,90 €.

„Wenn ich daran denke, dass hier Joseph Goebbels einen Schreibtisch hatte, und Karl-Eduard von Schnitzler“, meint RBB- Intendantin Dagmar Reim in dieser Chronik des Rundfunkhauses in der Masurenallee, „dann sage ich, mehr Geschichte unseres Faches an einem Platz ist nicht denkbar.“ Wolfgang Bauernfeind demonstriert dann allerdings, dass da noch sehr viel mehr und für die deutsche Rundfunkgeschichte Bewegenderes denkbar und realisierbar war. Schließlich war das 1931 eröffnete Haus des Rundfunks das Werk der Funkpioniere der Weimarer Republik, seine Architektur das Meisterwerk des Berliner Architekten Hans Poelzig. Hitler und Goebbels okkupierten das Haus zwar für zwölf Jahre und proklamierten hier 1939 den „Großdeutschen Rundfunk“. Aber das gleiche Haus sah nach 1945 auch den Neubeginn des bald schon zweigeteilten Hauptstadtrundfunks: Hier stand nicht nur die Wiege des (später Ost-) „Berliner Rundfunks“ mit dem Schreibtisch Schnitzlers und – leider von Bauernfeind nicht erwähnt – dem Schreibtisch Peter Huchels als künstlerischem Direktor des Hauses, sondern nach dem Umzug dieses Senders in die Nalepastraße auch die Wiege des 1956 gegründeten Senders Freies Berlin. Der brauchte allerdings neue Schreibtische, denn die russische Besatzung und ihre Ostberliner Schützlinge hatten alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. An den neuen Schreibtischen saßen dann unter anderen Ernst Schnabel und Walter Höllerer, aber auch Matthias Walden, der es mit seinem Gegenspieler Schnitzler jederzeit aufnehmen konnte. Erst seit 2003 steht im Haus des Rundfunks auch der Schreibtisch der Intendantin des fusionierten Rundfunks Berlin-Brandenburg. Bauernfeind zeichnet dieses Mehr an Geschichte abwechselnd anekdotisch und chronologisch nach und liefert damit ein Pendant zu Herbert Kundlers noch opulenterer Chronik des Rias als dem zweiten demokratischen Sender im geteilten Berlin (Reimer Verlag, Berlin 1994). Beide repräsentieren eine demokratische Tradition deutscher Rundfunkgeschichte, die zum Glück der Berliner nicht mehr von Goebbels und Schnitzler geschrieben wird. Hannes Schwenger

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