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Hannes Schwenger

Ahlrich Meyer:

Das Wissen um Auschwitz. Täter und Opfer der „Endlösung“ in Westeuropa. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010. 238 S., 29,90 €.

Anne Frank, das wissen wir aus ihrem Tagebuch, hat schon 1942 von „Vergasungen“ deportierter Juden in Osteuropa gehört. Andererseits versicherte eine Mehrheit nach 1945 befragter Juden in Belgien, Frankreich und Holland, die längste Zeit unter deutscher Besatzung nichts von der Vernichtungsmaschinerie gewusst zu haben. Auch die deutschen Organisatoren der Deportationen wollten später vor 1945 nichts von deren Endzweck gewusst haben. Ob das möglich sein konnte, ist bis heute nicht schlüssig beantwortet worden. Ahlrich Meyer, Professor für Politikwissenschaft in Oldenburg, hat es erneut unternommen, alle zugänglichen Quellen auszuwerten, um sich das Ausmaß von Täuschung und Selbsttäuschung zu erklären. War es die von den Mördern verordnete Geheimhaltung, selbst in den eigenen Reihen, oder die Verdrängung des Undenkbaren, wenn auch erahnbaren Schreckens, die Tatbeteiligte und Opfer so lange zu täuschen vermochte? Zwar gab es immer wieder Gerüchte und Rundfunkmeldungen alliierter Sender, aber die wurden von vielen für Kriegspropaganda gehalten, zumal deutsche Offizielle unter Berufung auf Adolf Eichmann die Tötungspläne „kategorisch verneint“ hatten. Der SS-Kommandant Frank des belgischen Sammellagers Malines versicherte noch 1943 vor einem Transport auf sein „Wort als Offizier“, „dass die Familien zusammenblieben und dass wir in Lagern arbeiten würden“. Die Tarnvokabeln, mit denen der wahre Zweck der Deportationen verschleiert wurde, hießen „Arbeitseinsatz, Umsiedlung, Familienzusammenführung“. Es dauerte bis 1944, meint Meyer, dass das Wissen um Auschwitz konkret wurde. Jetzt herrschte derselbe Frank einen Mann an, der ein Handtuch mit auf den Transport nahm: „Warum wollen Sie das mitnehmen, da Sie doch in den Verbrennungsofen kommen?“ Dennoch hat selbst dann kein Angehöriger deutscher Dienststellen in Westeuropa seine Beteiligung an den Deportationen verweigert. Das ist und bleibt der fundamentale Unterschied des lange verdrängten und dann doch offenbar gewordenen Wissens um Auschwitz bei Mittätern und Opfern. Meyer betont ihn mit Recht, wenn er Goldhagens These von Hitlers willigen Vollstreckern differenziert, ohne ihre Schuld und Mitschuld zu verleugnen. Hannes Schwenger

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