LESESTOFF : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Ruth von Mayenburg und Heinrich Breloer:

Hotel Lux. Die Menschenfalle. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2011. 400 Seiten, 24,80 Euro.

Ein Luxushotel, wie der Name verheißen könnte, war das Moskauer Hotel Lux schon lange nicht mehr, als es in Stalins blutigen Jahren zu legendärer Berühmtheit gelangte. Es war ein düsterer Ruhm, denn aus dem Quartier der Kommunistischen Internationale für ihre ausländischen Gäste und Exilanten verschwanden während des Großen Terrors Menschen am laufenden Band – im Gefängnis, im Gulag oder im Massengrab. „Die einzigen Insassen, die sich kontinuierlich durch die Geschichte des Hauses verfolgen lassen, sind die Ratten“, schrieb Ruth von Mayenburg 1978 zu Beginn ihrer seither mehrfach aufgelegten Chronik des Hauses, das sie selbst mit ihrem Mann Ernst Fischer sieben Jahre bewohnt hat. Damit meinte sie nicht die menschlichen oder vielmehr unmenschlichen Ratten des NKWD und seiner Handlanger in den Reihen der Hausbewohner, sondern die lieben grauen Tierchen, die sich mit Vorliebe in den Küchen, Heizungsschächten und dem Bäckerladen des Hauses tummelten – auch sie „periodischen Säuberungen“ mittels Fallen ausgesetzt.

Im „Lux“ lebten und verschwanden, um nur zwei namhafte Opfer unter deutschen Kommunisten zu nennen, Heinz Neumann, einst Chefredakteur der „Roten Fahne“ und Reichstagsabgeordneter der KPD, und Heinz Kurella, der Bruder des späteren ZK-Sekretärs in der DDR Alfred Kurella. Die Deutschen stellten das stärkste Ausländerkontigent im Haus, und auf sie wurden laut Ruth von Mayenburg „die Organe in solchem Maße angesetzt, dass von hier aus der makabre Spruch in ganz Moskau in Umlauf kam: Was die Gestapo von der KPD übriggelassen hat, das hat die NKWD aufgelesen!“

Was die NKWD übrigließ, hat dann in der DDR Karriere gemacht wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht als deren erster Präsident und SED-Generalsekretär. Oder auch Herbert Wehner, der 1941 mit einem Parteiauftrag in Deutschland das Haus verließ, aber schon in Stockholm verhaftet wurde und sich 1946 der SPD anschloss. Seine Rolle im „Lux“ bleibt bis heute im Zwielicht, denn er konnte nach seinen Verhören, schreibt Reinhard Müller in Herbert Wehner – Moskau 1937 (Hamburger Edition, Hamburg 2004), aus den NKWD-Dienstzimmern der Lubjanka immer wieder ins Hotel Lux zurückkehren.“ Für den TV-Regisseur Heinrich Breloer wurde sein Fall zum Anlass, 1991 mit Ruth von Mayenburg zu Dreharbeiten für seinen Film „Wehner – Die unerzählte Geschichte“ nach Moskau zu fahren. Licht ist auch bei ihrem Besuch im „Lux“, heute Hotel „Zentralnaja“, nicht in diese Geschichte gekommen, dafür manche nachgetragene Erinnerung. Der Elisabeth Sandmann Verlag hat nun sein Drehbuch zusammen mit der Neuauflage von Mayenburgs Buch veröffentlicht – rechtzeitig zum Start des Films Hotel Lux von Leander Hausmann an diesem Donnerstag. Die Hauptrollen spielen hier nicht Wehner und Pieck, sondern Bully Herbig und Jürgen Vogel. Hannes Schwenger

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