Kultur : Lest Satan!

Eine

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von Caroline Fetscher

Ein Feind vereint. Nichts ist feiner, als einen echten, hartgesottenen Feind zu haben. Projectio sine qua non, lautet ein Motto im Freud-Jahr. Und rund dreihundert Millionen Menschen in der so genannten arabischen Welt wissen, wovon sie reden, wo immer der „Feind“ gemeint ist: der „kleine Satan“, also Israel, und der große, „Amerika“. Weit draußen, vor den Toren des inneren Konflikts, lauert der ewige Widersacher: Al Ameriqiye.

Nun wundert sich das gemeinnützige Global Americana Institute, warum die Gegner des großen Satans so wenig über dessen Hörner und Schwefel, Sprache und Geist wissen. Ganz einfach, klagt der US- Orientalist Professor Juan Cole: „Wir Amerikaner haben kein Kultusministerium wie die Franzosen, keinen British Council wie die Engländer und kein Goethe-Institut wie die Deutschen.“ Die arabische Welt, folgert Cole, weiß nichts über „den großen Satan“. Zwar haben etwa Kairo und Amman amerikanische Universitäten, aber: alles auf Englisch. Übersetzungslage: desolat. Keine Werke von Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Lincoln oder Martin Luther King. Kein Exemplar der amerikanischen Verfassung auf Arabisch. Ihsan Abbas’ erstklassige Übersetzung von „Moby Dick“ ist vergriffen. Nur Michael Moore murrt in den Regalen.

Natürlich ist die amerikanische Hollywood-Broadway-Popkultur auch in der islamischen Welt omnipräsent. Doch schon beim Streit um die Mohammed-Karikaturen hatte kaum ein Protestierender eins der Bilder mit eigenen Augen gesehen. Sie waren Fantasien, Bilder in den Köpfen der Amerikahasser, denen nur vage von blasphemischen Comics berichtet wurde. Da hören sie vom „Satan“ und fürchten ihr eigenes, unbewusstes Aufbegehren gegen Autorität. Die Empörten stellen sich vor, was der andere sich vorstellen könnte. Die Komik dabei: Sie haben ihre eigenen Ideen vor Augen, an denen ihr Unbewusstes mitzeichnet.

Freilich, Professor Cole hat Recht mit seinem Appell fürs Übersetzen und Brückenbauen. Jedoch – ach, Allah. Den korrupten Eliten der arabischen Welt graut es davor, dass die Satansschriften aus Transatlantien ihre Buchläden invadieren, um womöglich ein anderes Amerikabild heraufzubeschwören, mit Kapitän Ahab und seinen Mannen. Ein Feind ist praktisch. Ein Feind vereint. Call me Israel!

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