Kultur : Letzte Nacht im Kastanienwald

Berliner Jahre: zum Abschied von Volker Hesse als Intendant des Maxim Gorki Theaters

Christoph Funke

Die letzte Nacht ist nahe. Morgen verabschiedet das Maxim Gorki Theater seinen Intendanten Volker Hesse. 26 Inszenierungen sind im Juni zum letzten Mal gespielt worden. Die neue Mannschaft, geleitet von Armin Petras, tritt nach der Sommerpause an und verspricht ein Eröffnungsspektakel mit nicht weniger als neun Premieren am 29. und 30. September. Das Gorki wird ein anderes Theater – was bleibt von fünf Jahren Volker Hesse?

Er hat, um Brechts Begriff zu verwenden, von Anfang an „eingreifendes“ Theater machen wollen. Am Zürcher Neumarkt war er damit über Jahre erfolgreich und in der Entschiedenheit, sich brennenden Problemen des Alltags zu widmen, so gut wie allein. In Berlin stand Hesse mit dieser Absicht in einer Reihe mit anderen Intendanten. Als solides Startkapital durfte das Ensemble gelten, das er übernahm, ausbaute und veränderte: Die Truppe war in vielen Auseinandersetzungen gewachsen, hatte sich schon zu DDR-Zeiten frischem, widerständigem Denken verschrieben und mit dem Intendanten Bernd Wilms, der aus dem Westen kam, erfolgreiche Jahre erlebt.

Hesse startete mit einem Spielplan, der auf experimentelle Formen setzte, weniger auf das anspruchsvolle Werk. Er wollte weg vom Theater der geschlossenen Form, wichtig war ihm, die Bühne für Versuche zu öffnen, mit denen sich das Theater als Anreger, als Unruhestifter in der Öffentlichkeit beweisen konnte. Die Emotionalität des Miterlebens, unter dem Gorki-Publikum fest verankert, geriet in den Hintergrund, die Bindungskraft von Figuren und Geschichten, von Dichtung ließ nach. Erschwerend kam hinzu, dass ein großes Projekt, „Familie Gorki“, nach dem Terroranschlag im September 2001 nicht mehr zu realisieren war und der Versuch scheiterte, mit der Regisseurin und Schauspielerin Katharina Thalbach die künstlerische Mitte des Theaters zu finden.

Diese Schwierigkeiten des Anfangs erschwerten es Hesse, dem Gorki einen unverwechselbaren Charakter, das sagenumwobene „Profil“ zu geben. Doch fest steht: Hesse hat vielen Regisseuren, und nicht nur den längst Profilierten wie Thomas Langhoff („Iphigenie auf Tauris“), Uwe Eric Laufenberg („Platonow“, „Das Maß der Dinge“) oder Katharina Thalbach („Romeo und Julia“), großzügige Möglichkeiten eingeräumt. Die Verjüngung des Ensembles gelang, besonders die Arbeiten des schreibenden und inszenierenden Schauspielers Joachim Meyerhoff bleiben im Gedächtnis.

Immer wieder gab es Theaterabende, mit denen das Gorki seine Vitalität unter Beweis stellte. Barbara Schalls „Dreigroschenoper“ gehörte zu den aufregendsten Brecht-Aufführungen des letzten Jahrzehnts, gerade weil die Regisseurin allem modernistischen Schnickschnack entsagte. Mit Lutz Hübners „Bankenstück“ versuchte Hesse revolutionäres Feuer anzufachen und die Berliner Politik der Korruption und Arroganz zu überführen. Andres Veiels „Der Kick“, die zurückhaltende, eindringliche Dokumentation eines unfassbaren Mords, mit Kollegen des Theaters Basel erarbeitet, fand den Weg ins Berliner Theatertreffen und bleibt als einzige alte Inszenierung auch unter Armin Petras im Spielplan.

In der Partnerschaft mit Alexander Lang gelangen umstrittene Abende. Volker Hesse rettete einen Theatermacher für Berlin, der Jahrzehnte zuvor am Deutschen Theater dramatische Geschichten ins Extrem getrieben hatte. In der Radikalität des Zugriffs fanden sich Hesse und Lang in Regie und Spiel bei Hauptmann („Vor Sonnenuntergang“) und Schnitzler („Das weite Land“). Vorher hatte Lang Gorkis „Nachtasyl“ nachdenklich und in peinigender Ruhe neu entdeckt.

Ein Profil zu finden, gelang schon eher im Studio, weil Hesse hier arbeitswütigen Kollegen freie Hand gab. Nach ungestümen Experimenten, besonders mit neuer russischer Dramatik, setzten sich die Langzeitprogramme „Die Bibel“ und „Arbeit für alle“ durch: schnelle, oft überraschende, improvisatorische Arbeiten. Hier möchte auch Armin Petras mit einer Aufführungsfolge um Gorkis „Kinder der Sonne“ anknüpfen.

Nun hofft der scheidende Intendant, dass viele zum Abschied in das Haus am Kastanienwäldchen kommen, „um mit uns zu lachen, zu weinen, zu flirten, zu tanzen, zu singen und zu trinken.“ Volker Hesse verdient ein fröhliches Fest.

24. Juni, 20 Uhr, Abschiedsfest mit Bands, Versteigerung und Überraschungsauftritten. Eintritt frei

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