Kultur : Leuchtende Augen

KAI MÜLLER

Wie alle guten Hippie-Geschichten beginnt auch diese in San Francisco.Man soll den Acid-Hauch von Height Ashbury spüren, lange Haare, flippige Klamotten und den schleppenden Tonfall von Leuten, die Eile nicht nötig haben.Auch wenn die glorreiche Zeit schon dreißig Jahre her ist und die Neunziger sich der Blumenkinder höchstens aus modischen Erwägungen heraus erinnern.Aber noch immer findet sich tatsächlich eine verwirrte Seele, die mit einer großkalibrigen Waffe auf Straßenschilder schießt, weil sie Parkverbote als Einschränkung der individuellen Freiheit empfindet - und als eine persönliche Beleidigung dazu.In rasanten Reißschwenks und Zooms, verzerrten oder stark nachkolorierten Kamera-Turbulenzen, die der Videoclip-Ästhetik auf MTV entsprechen, lassen Christoph Gampl und Andreas Kukutsch die Stadt in ein hysterisches Nervenbündel zerfallen.Weit draußen jedoch, in der Wüste Nevadas, wartet ein besseres Leben: der "burning man".Eine fünfzehn Meter hohe Holzfigur, die in einem feierlichen Akt verbrannt wird.

Die symbolische Menschenverbrennung ist das Großereignis der kalifornischen Aussteiger-Szene.Eine ständig wachsende Gemeinde pilgert jedes Jahr zu ihrem goldenen Kalb, um sich in ein Community-Experiment und eine rauschhafte Dauerparty zu stürzen.Darüber kann die gottesfürchtige alte Dame nur den Kopf schütteln: "Sie bauen ihn so hoch.Und dann verbrennen sie ihn.Was für einen Sinn soll das ergeben?" Das kann offenbar nur ermessen, wer für mystische Erfahrungen empfänglich ist.Die Dokumentation "Burning Man 2020 - The Phenomenon" von Gampl und Kukutsch kann diese Frage ebenfalls nicht beantworten.Die beiden jungen Filmemacher schienen sich nicht entscheiden zu können, ob sie das Geschehen abbilden oder abfeiern wollten.So zerfällt auch ihr Film in ein unmotiviertes Bildermosaik mit ständig wechselnden Perspektiven.Da die Beteiligten im Glutofen der Wüste nichts anderes tun, als den Moment zu genießen, und Gampl Kukutsch sich kaum ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen, bleiben sie, trotz aller Exzentrik, ziemlich blaß.Sie reden nur ununterbrochen darüber, wie sinnvoll es sei, das mitzuerleben.Doch ihre Geschichte geben sie nicht preis.Der Film hätte die Widersprüche viel stärker herausheben sollen.Zum Beispiel die Tatsache, daß die Freaks, bei aller Verachtung für die Konsumwelt, in überladenen Bussen und Trucks für die Wüstenfete Unmengen von Zivilisationsschrott mitschleppen und via Satellitentelephon mit der Cyberspace-Gemeinde in aller Welt vernetzt sind.Der Film hätte den Protagonisten die Chance bieten sollen, einen facettenreichen Charakter zu entfalten, statt bloß als symptomatischer Beleg für eine alternative Trash-Kultur herzuhalten.

Der "burning man", heißt es, sei nicht mit einem Rockkonzert oder -festival vergleichbar, sondern ein Ereignis, das das Leben verändert - eine überwältigende, ganzheitliche Gemeinschaftserfahrung.Die Leute verstehen sich als Einzelgänger, die nicht nur ihre Phantasien ausleben wollen, sondern auch auf der Suche nach Inspirationen sind.Kein Wunder, daß die Verbrennung des hölzernen Kolosses, der als riesenhafte Neon-Erscheinung die Wüstennächte illuminierte, zu einer Art Initiationsspektakel wird.Man sieht glutrot erleuchtete Gesichter, in denen sich der Schein einer höheren Erfahrung widerspiegelt.Schade, daß Gampl/Kukutsch dieser sehr amerikanischen Selbstberauschung erliegen, wenn sie für den dramatischen Höhepunkt Slow-Motion-Einstellungen wählen.Die Bilder behaupten, was zu illustrieren ihnen mißlungen ist.

Nur im Kino Eiszeit

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