Kultur : "Levins Mühle": Wo die deutschen Männer schnarren

Carsten Niemann

Diese Premiere hat er sich gegönnt, wir gönnen sie ihm auch. Zehn Jahre leitet der Komponist Udo Zimmermann die Leipziger Oper, doch erst am vergangenen Sonnabend, vor dem Wechsel nach Berlin, hat er ein eigenes Werk auf den Spielplan gesetzt: ein fast 30 Jahre altes Stück, nach einem Roman von Johannes Bobrowski, komponiert auf das Libretto seines Bruders Ingo Zimmermann. Ein Werk, das in den 70er Jahren in Ost und West vergleichsweise oft gespielt wurde, das man aber seit einer Darmstädter Produktion von 1984 nicht mehr neu inszeniert sehen konnte. "Levins Mühle" spielt im Westpreußen des Jahres 1874. Johann, ein deutscher Mühlenbesitzer, hat die Mühle seines Konkurrenten Levin mit seinem Stauwasser fortgespült. Die Sache kommt vor das Gericht. Johann versucht, die Angelegenheit trotz Zeugen mit Hilfe seiner deutschen Landsleute zu vertuschen. Das Gericht gibt ihm Recht. Doch Levin stehen Freunde zur Seite: Der Zigeuner Habedank, der Landstreicher Weiszmantel, ein Zigeunerzirkus, aber auch Deutsche. Zusammen gelingt es ihnen, die Bevölkerung mit Hilfe eines Liedes gegen Johann aufzubringen. Johann verläßt das Dorf, doch auch Levin und seine Freundin Maria können nicht bleiben.

Auf den ersten Blick ein aktuelles Thema: Es geht um Fremdenfeindlichkeit, um die Frage nach dem Zusammenleben, um Zivilcourage. Angesiedelt zudem in einer regional und historisch unspezifischen Situation: auf dem Lande, in der ruhigen Zeit nach Reichsgründung und Polenaufstand. Wer würde da nicht auch an die brandenburgische Grenzregion von heute denken? Die Hoffnung, dass die Oper bei ihrer ersten Neuinszenierung in der Nachwendezeit als besonders aktuell berühren würde, erfüllte sich jedoch nicht. Dabei funktioniert Zimmermanns theaterwirksame Musiksprache, ihre vorsichtige Avantgarde und ihre geschickte Collagetechnik noch immer. Doch fehlen ihr leider genau die entscheidenden Zwischentöne, mit denen der Roman über die Darstellung eines Aktes ethnisch-religiöser Diskriminierung hinausging. Dass etwa in dieser Grenzregion der Drewenz die Deutschen "Kaminski, Tomaschewski und Kossakowski" hießen "und die Polen Lebrecht und Gehrmann", das hört man jedem von Bobrowskis herrlich osteuropäisch gefärbten Sätze an. Bei Zimmermann geht nicht nur dieses Idiom unter; bei ihm müssen die deutschen Männer auch noch allzu oft im schnarrenden Militärton singen, mit Schlagzeug und marschartigen Rhythmen unterlegt. Damit lassen sich natürlich schöne Karikaturen zeichnen: Konrad Rupf gelingen gleich zwei davon, als monokelbewehrter Kreisrichter und pickelbehaubter Dorfgendarm. Aber man ist unversehens bei genau den Klischees angelangt, die Bobrowski so geschickt vermieden hatte.

Soll man den Regisseur Alfred Kirchner dafür kritisieren, dass er sich gegen diese Klischees kaum auflehnte? Dass bei ihm die "bösen" Deutschen schwarz gekleidet sind, die Zigeuner sehr bunt und die wenigen "guten" Deutschen nur ein bisschen farbig? Wohl nicht: auf einen Holzschnitt lässt sich nicht gut ein Ölgemälde pinseln. Da, wo er Subtext und Verfremdungseffekte einsetzte, ging es sogar schief: Die Bedeutung der Fotos von im zweiten Weltkrieg verlorenen Kindern an den die Spielfläche begrenzenden grauschwarzen Wänden konnte wohl niemand so recht entschlüsseln. Und dass die Bühnenbildnerin Maria-Elena Amos in der Gerichtsszene einen im Piratenkostüm posierenden Kaiser Wilhelm an die Wand projezieren liess, wirkte peinlich aufgesetzt inmitten ihrer sonst so ansprechend schlicht gestalteten Ausstattung. Ein Glück also, dass Kirchner Sorge getragen hatte, das Stück ansonsten so eindringlich, so handwerklich sauber und mit seinen stehenden Chorszenen und seiner überbordenenden Fülle an Personen so klar wie möglich zu erzählen. Ein Glück auch, dass diese Fülle von Personen von einer Fülle ausgezeichneter Solisten und Chormitglieder dargestellt wurde. Eindringliche Momente lieferten Tom Erik Lie (Levin) und vor allem Ofelia Sala (Marie) als traurig entfremdetes Liebespaar. Florian Cerny bot einen präsenten Mühlenbesitzer Johann und vermied es glücklich, sich als polternder Bösewicht in den Vordergrund zu spielen. Elegant gesungen und charaktervoll gespielt die Duoszenen der beiden Mühlenarbeiter Korrinth und Nieswandt, wobei Joszef Frakstein und Victor Sawley ihr heimatliches polnisches bzw. russisches Idiom gerne noch stärker und öfter hätten durchschimmern lassen können. Grund zu uneingeschränkter Begeisterung gab schliesslich das Gewandhausorchester unter der Leitung von Michail Jurowski mit einer engagierten, distanzlos emotionalen Lesart in edlem und warmem Ton. Eine Aufführung wie ein Geschenk für den komponierenden Intendanten und immerhin gut gemachte, politisch korrekte Unterhaltung für das Publikum.

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