Kultur : Liberal, durch und durch - Ehefrau Rosemaries Erinnerungen an ihren Mann und Kreisau

Peter Steinbach

Adolf Reichwein gilt als einer der wichtigsten Köpfe im Kreisauer Kreis. Er wurde das Opfer einer Denunziation, nachdem er gemeinsam mit Julius Leber in Verhandlungen mit kommunistischen Widerstandskämpfern versuchte, aus dem nationalkonservativen Widerstand ohne Volk einen Widerstand aus dem und mit dem Volk zu machen. Dass die Kreisauer aber nicht allein handelten, sondern aus einem familiären Umfeld heraus agierten, ist erst durch die Erinnerungen ihrer Frauen deutlich geworden. Dass Reichwein Menschen beeindruckte, fesselte, an sich band, bekräftigte jeder, der ihm begegnete. Er war ein glühender Pädagoge, der darauf setzte, in jedem verborgene Kräfte zu wecken.

In der politischen Bildung bedeutete dies für ihn: Menschen zu Demokraten zu erziehen. Dies faszinierte auch seine spätere Frau, eine offenbar schon in jungen Jahren energische Person, die nicht zögerte, sich mit dem begeisterten Flieger Reichwein in eine der damals noch keineswegs komfortablen Flugzeuge zu setzen.

Mit festen Maßstäben

Die jetzt erschienenen Erinnerungen bieten aber mehr als Reminiszenzen an einen Kreisauer, denn sie handeln von Rosemarie selbst. Sie machen deutlich, wie wichtig für die Kreisauer ihre Ehepartner waren, die selbstbewusst über klare Maßstäbe der Liberalität verfügten und - wie informiert auch immer über Umsturzbestrebungen - das Handeln ihrer Männer akzeptierten. Keine von ihnen beklagte sich über den Tod ihrer Männer, sie haderten auch nicht mit ihnen, sondern übernahmen letztlich den Auftrag, der aus der aktiven Konspiration ohne jede Deckung folgte: Sie erschlossen nach 1945 zu einem guten Teil die Bedeutung dieses Kreisauer Widerstandskreises. Und zugleich prägten sie die Nachkriegsgesellschaft.

Auch die Erinnerungen von Rosemarie Reichwein, die bis heute in Berlin lebt, machen deutlich, dass keine der "Kreisauerinnen" allein durch die Rolle ihrer Männer im Widerstand charakterisiert werden kann. Sie waren eigenständige Persönlichkeiten, als sie ihre Männer kennenlernten. Sie legten großen Wert auf eine gute Berufsausbildung, erzogen ihre Kinder im Geiste einer liberalen Tradition und wuchsen so in eine Distanz zum Regime hinein, die schicksalbestimmend wurde. Mit der Ermordung ihrer Ehepartner standen sie allein und wurden vor allem angetrieben von der Sorge um ihre Kinder. Nach dem Krieg musste sich Rosemarie Reichwein eine neue Existenz in den den Wirren der "Zusammenbruchsgesellschaft" aufbauen, die einerseits die Befreiung vom Nationalsozialismus brachte, andererseits aber mit vielen erheblichen Versorgungsschwierigkeiten einherging.

Rosemarie Reichwein konnte an ihre pädagogische Ausbildung anknüpfen. Sie hatte bei einem Besuch in England Gelegenheit, die Erfolge einer ganz speziellen Methode der Behindertengymnastik kennenzulernen, die von dem aus Berlin vertriebenen jüdischen Ehepaar Bobath entwickelt worden war. Dabei musste sie, die Witwe eines Regimegegners, erleben, dass man sie zunächst als Deutsche schroff ablehnte. Doch allmählich wurde eine vertrauensvolle Basis gefunden, und Rosemarie Reichwein konnte zu einer Pionierin der Heil- und Behindertengymnastik in Deutschland werden.

Aufgeschlossen gegenüber dem Leben

Dies alles wird so uneitel geschildert, wie es Rosemarie Reichweins Art ist. Es kommt ihr nicht darauf an, sich durch die Erinnerung an ihren Mann zu erhöhen, sondern in seinem Geist weiterzuwirken. Besser als durch ihr Bekenntnis zur Eindeutigkeit, zur Wahrhaftigkeit, zur Mitmenschlichkeit konnte sie dies nicht erreichen. Und bestätigt wird ihre prägende Rolle durch einen empfindsamen, fast zarten Essay ihrer jüngsten Tochter Sabine, die zugleich daran erinnert, welche Hoffnungen auf die Begegnungsstätte Kreisau zu setzen sind.

Weit über die liebevolle Schilderung des bedeutenden Reformpädagogen und Widerstandskämpfers hinaus machen diese Erinnerungen so deutlich, welche innere Kraft die Kreisauerinnen hatten. Sie trugen die Verantwortung für ihre Familie - Rosemarie etwa hatte vier Kinder, Freya von Moltke wie Clarita von Trott zwei -, sie konnten sich keine Lähmung aus Verzweiflung leisten. Sie bewiesen einen in die Zukunft weisenden Optimismus, der wirklich mitreißend war. Sie verkörperten immer eine beneidenswerte Aufgeschlossenheit gegenüber dem Leben und beeindrucken vielleicht gerade dadurch bis heute. Dies macht Lothar Kunz in seinem Beitrag deutlich.

Jeder, der das Glück hatte, einer der Kreisauerinnen zu begegnen, wurde von ihnen beeindruckt - nicht weil sie als Witwen bedeutender Regimegegner auftraten, sondern weil sich bei ihnen eine Kraft zur Eigenständigkeit und Unabhängigkeit mitteilte, die schlagartig vor Augen rückte, was freie Menschen, wirklich freie Menschen sind.Rosemarie Reichwein: Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. C.H. Beck Verlag, München 1999. 151 Seiten. 24 DM.

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