Kultur : Licht aus

Judith Kessler

Es riecht wie in einem in die Jahre gekommenen Friseursalon. Schwer und süßlich. Unweigerlich denkt man an vergilbte Frisierumhänge und halb feuchte Dauerwellen unter Trockenhauben. Im Foyer des Hansa-Theaters: Eine Fotogalerie in Schwarz-Weiß. Damen im Cocktail-Kleid, Herren im Smoking - ein Gruß aus der Zeit der Nierentischchen. Und doch nur Bilder des aktuellen Stücks am Volksstheater, zugleich das letzte. Denn heute Nachmittag hebt sich in Moabit zum letzten Mal der Vorhang.

Intendant Fred Yorgk sitzt an einem kleinen Café-Tisch im Foyer und redet sich in Rage: "Die meisten Gutachter können doch ein Türquietschen nicht vom Radetzkymarsch unterscheiden." Das Gutachten. 55 Seiten über die Konzeptförderung der Privatbühnen in Berlin. Ab Seite 31 widmen sich die drei Gutachter dem Hansa-Theater: Sie attestieren ihm "platte, eindimensionale Charakterzeichnung, nicht geistreiches, sondern äußerst zähes, müdes Boulevardtheater, nicht die Spur des schnellen Berliner Witzes". Fazit: Ab 2003 sollte das Theater nicht weiter gefördert werden.

In Auftrag gegeben von Ex-Kultursenator Christoph Stölzl, weitergereicht an seine Nachfolgerin Adrienne Göhler und schließlich an Thomas Flierl, schwebte das Gutachten wie ein Damoklesschwert über dem Haus. Dass es herabstürzen könnte, wollte niemand recht glauben. "Wenn man 20 Jahre in Berlin gelebt hat, rauschen Kultursenatoren an einem vorbei wie Wasser im Rhein", sagt Yorgk. Dann ging es schneller als gedacht: Am 4. März beschloss der Senat einstimmig, das Hansa-Theater nicht weiter zu fördern. Den Mitarbeitern wurde zum 1. April gekündigt, die GmbH Hansa Theater wird zum 31. Dezember liquidiert.

Wie ihr Leben nach dem Hansa-Theater weitergehen soll, weiß Christa Dänicke noch nicht. "Sowas wie hier wird mir nie wieder passieren", sagt sie und poliert ein Bierglas. Schon Günter Pfitzmann hat über ihre blitzsauberen Gläser gestaunt. Nur zwei Jahre stand sie hinter ihrer Bar und fühlt sich doch voll dazugehörig. Nur sie konnte den Kaffee für Brigitte Mira kochen. "Ein Schuss Kaffee, viel Milch und Wasser drauf, damit es nicht zu stark wird." Schnell wischt sie über die Marmor-Stehtische, dann muss sie hinter den Türen zum Zuschauerraum in Position gehen, die weißlackierten Türen öffnen, die schweren roten Vorhänge mit den goldenen Trotteln zurückschlagen und das Publikum zur Pause an ihre kleine Bar bitten.

Viele sind es nicht, die an dem Abend gekommen sind. Vielleicht 40, vielleicht 50. Alle jenseits der 60. Christa Thiele ist mit ihrer Mutter gekommen. Jetzt sitzt sie in einer Nische und genießt ihren Prosecco. Dass das Hansa-Theater geschlossen wird, sei eine Schande. Als "echte Kreuzberger Jöre" hat Christa Thiele ihrem Ärger mit einem Anruf bei der Theater Gemeinde Luft gemacht. Geändert hat das nichts. Deshalb beschränkt sie sich nun darauf, nach der Vorstellung noch ein Autogramm von Claudio Maniscalco zu bekommen.

Der spielt die Hauptrolle in dem Stück "Was macht eine Frau mit zwei Männern?". In den letzten Wochen tritt er regelmäßig zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang. Lächelt ins kleine Publikum, das verstreut unter den zwei üppigen Kronleuchtern sitzt, und fordert die wenigen Zuschauer auf, in den vorderen Reihen zusammenzurücken. "Dann haben wir was Nettes zum Ansehen." Bis zum Ende der Vorführung hat er sein Publikum komplett durchgezählt. Die Macht der Gewohnheit. Früher wusste er dank dieser Methode immer, ob die Kasse stimmt.

Zwei Jahre war Claudio Maniscalco künstlerischer Leiter im Hansa-Theater. 1999 übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder das Haus und gestaltete es völlig um. Theaterbesucher gelangten nun über einen roten Teppich in einen Traum von Altrosa. Hier wollte Maniscalco sein Volkstheater inszenieren, mit weniger "icke" und "ditte", aber viel Publikumsnähe. Doch das Publikum erschien bald nicht mehr so zahlreich. Claudio Maniscalco trat von seiner Intendanz zurück und übergab die künstlerische Leitung Fred Yorgk. Heute, gibt Maniscalco offen zu, ist er ganz froh, keine Verantwortung mehr zu tragen und sich ganz auf seine Texte konzentrieren zu können. Und so tanzt Maniscalco leichtfüßig mit seinen Kollegen durch das Fifties-Wohnzimmer auf der Bühne.

Schräg über ihnen, in der Lichtloge, sitzt André Freyni. Zehn Jahre war er technischer Direktor im Hansa-Theater. Einfach abfinden kann er sich mit der Situation nicht. In seiner kleinen, kaum zwei Quadratmeter großen Box über der Bühne hat er während der letzten Aufführungen ein Konzept entwickelt, das Haus zu retten. Eine komplett ausgearbeitete Präsentation. Das Lichtpult hat er in der Zeit mit links bedient und im Stillen von seinem Theater Carré geträumt. Ein Verein soll es werden, in dem sich die freien Theatergruppen zusammenschließen und das Hansa-Theater als feste Spielstätte betreiben. Freyni sitzt auf seinem hölzernen Drehstuhl und seine Augen beginnen zu leuchten. Eine Operetten-Woche will er veranstalten, Autorenwettbewerbe, Schülertheater und eine türkische Theaterwoche. Was treibt ihn an? "Es ist so ein beruhigendes Gefühl, zu sehen, dass der Vorhang wieder aufgeht." Vielleicht hat er Glück.

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