Kultur : Licht im Herbst

Christina Tilmann

wandert durch den „Monat der Fotografie“ in Berlin Auf den ersten Blick wirkt das Verfahren etwas beliebig: Man findet ein Thema, druckt einen Katalog, und fertig ist der Monat der Fotografie. Was in Paris seit Jahren Kult ist, hat nun auch Berlin und Wien erfasst, ja soll in Zukunft noch ausgeweitet werden – Bratislava, Rom und Moskau sind im Gespräch. Die Idee dabei: eine Bündelung der Fotoaktivitäten der Stadt und die Aufwertung eines Monats, der nach Messe- und Kunstherbst-Rummel zu den stilleren gehört. Ein Sonderprogramm an diesem Sonnabend in vielen der teilnehmenden Institutionen und Galerien mit anwesenden Künstlern, Führungen und Gesprächen soll nun für zusätzlichen Auftrieb sorgen (weitere Informationen im Internet unter www.2004.photographie.com).

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Insgesamt mehr als hundert Ausstellungen in 20 Museen und über 40 privaten Galerien zum Thema Fotografie kommen zusammen. Dabei sind einige echte Highlights: Die Reportagebilder vom November 1989 von Gilles Peress zum Beispiel, die derzeit bei c/o Berlin zu sehen sind (Linienstr. 144, bis 23.1.). Oder die frühen Berlin-Fotografien von Willy Römer im Deutschen Historischen Museum (Hinter dem Gießhaus 3, bis 27.2.). Oder Katharina Eleonore Behrend im Verborgenen Museum (Schlüterstr. 70, bis 12.12.): Strandfreuden der Jahrhundertwende. Und Helga Paris, die in diesem Jahr mit dem Hannah-Höch-Preis der Berlinischen Galerie und einer Ausstellung geehrt wird (Alte Jakobstr. 124-128, bis 21.1.): die Fotogeschichte, Schwerpunkt Berlin, ist gerade im November besonders stark.

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In den Galerien geht der Blick dann über Deutschland hinaus: Steven Klein lässt bei Camera Work Madonna tanzen (Kantstr. 149, bis 8.1., Preise je nach Größe zwischen 4300 und 42000), der Becher-Schüler Götz Diergarten feiert bei Kicken die Tristesse belgischer Strandquartiere im Winter (Linienstr. 15, bis 15.1., Preise von 2300 bis 3200 Euro), Ursula Schulz-Dornburg widmet sich bei Aedes West der Typologie der Wartehäuschen im Russland des Breschnew-Zeit (S-Bahnbögen Savignyplatz, bis 12.12.), und Giedre Bartelt stellt ihre Gruppenausstellung unter das Thema Schnee (250 bis 1900 Euro, Linienstr. 161, bis 18.12.). Andere, wie Robert Mapplethorpe bei Thomas Schulte sind Anfang November zu Ende gegangen. Auch die sehr schöne Ausstellung „Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition“ in der Deutschen Guggenheim, die Mitte Oktober zu Ende ging, hätte gut ins Programm gepasst.

So richtig koordiniert ist der „Monat der Fotografie“ noch nicht. Und kommt dennoch zur rechten Zeit: Mit der Eröffnung der NewtonSammlung am Bahnhof Zoo hat die Fotografie in der Stadt endlich eine Adresse gefunden. Fotogalerien von Format wie Kicken, Camera Work, Argus Fotokunst, Berinson oder Imago Fotokunst bereichern seit Jahren die Szene. Das Fotozentrum c/o Berlin hat sich mit wachsendem Erfolg der Reportagefotografie verschrieben. Die osteuropäischen Kulturinstitute warten immer wieder mit Entdeckungen auf. Es sage keiner, Berlin sei, was Fotografie angeht, Diaspora.

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