Kultur : Licht ins Halbdunkel

Auf die deutschen Museen kommt eine Welle von Restitutionsfällen zu. Ein Nachschlagewerk will Betroffenen Hilfe leisten

Christina Tilmann

Wut ist manchmal ein guter Motor. Der Berliner Jurist und Restitutionsexperte Gunnar Schnabel ist wütend. Darüber, dass die deutschen Museen die Durchforstung ihrer Bestände nach Restitutionsfällen jahrzehntelang verschleppt haben. Darüber, dass die deutsche Öffentlichkeit oft mit Unverständnis, ja mit Ressentiments auf Restitutionsfälle wie den der Rückgabe von Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ reagiert hat. Und auch darüber, dass die Bundesregierung in Gestalt von Kulturstaatsminister Bernd Neumann es bislang bei „Alibiveranstaltungen“ habe bewenden lassen.

Auf einer Pressebegegnung im Berliner Literaturhaus wird Schnabel deutlich: Krisengipfel und Hintergrundgespräche, wie sie Neumann seit der Aufregung um die Kirchner-Restitution zuletzt wiederholt anberaumte, dienten einzig der Befriedung der Öffentlichkeit, kritisiert der Rechtsanwalt, der sich seit neun Jahren verstärkt mit Restitutionsfällen beschäftigt. Ihn ärgert es, dass jenseits des engen Kreises von Betroffenen wie Museumsdirektoren, die um ihre Bestände fürchteten, oder Auktionshäusern, die teils noch bis in die Neunziger hinein Werke mit nicht ausreichend erforschter Provenienz versteigerten, unabhängige Experten weder geladen noch befragt wurden. Maßnahmen, die Schnabel für dringend geboten hält, sind seines Erachtens nicht zu erkennen: etwa die Entscheidung, die deutschen Museen finanziell so auszustatten, dass sie sich endlich feste Stellen zur Provenienzerforschung ihrer Bestände leisten können. Oder die Einrichtung einer Koordinierungsstelle, die alle Betroffenen erfasst und jährlich öffentlich Auskunft gibt – wie es in anderen Ländern längst üblich ist. „Für dieses zögerliche Verhalten wird Deutschland noch bestraft werden“, orakelt der Jurist.

Und das kann schmerzhaft werden – handelt es sich doch oft um Hauptwerke der jeweiligen Sammlung. Dass die deutschen Museen jahrzehntelang eine durch Unwissenheit oder Nichtwissenwollen begünstigte Nachlässigkeit walten ließen, macht die aktuellen Fälle umso spektakulärer. Gerade, weil so viel versäumt wurde, ist Schnabel zufolge eine Lawine an Rückforderungen zu erwarten. Und die Museen sind darauf nicht vorbereitet. Zwar seien schon Hunderte von Bildern den Eigentümern zurückerstattet worden, oft diskret und ohne öffentliche Diskussion. Doch noch lagert viel, zumeist unaufgearbeitet, in den Depots. Die Museen zeigten sich nurselten willens, die Anspruchssteller durch Öffnung ihrer Depots auf die Bestände aufmerksam zu machen, so Schnabel. Sie mauerten lieber.

Aber es gibt Ausnahmen. Vorbildlich zum Beispiel die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die 1999 einen Rückgabe-Beschluss fasste. Vorbildlich handeln auch private Museen wie die Henri Nannen Stiftung. Andere, wie das Georg Schäfer Museum in Schweinfurth oder das Lehmbruck-Museum in Duisburg zeigten sich wesentlich laxer im Umgang mit Restitutionsansprüchen. Insgesamt, so Schnabel, gehen Museen im Ausland wesentlich professioneller mit dem Thema um.

Um diesem Missstand abzuhelfen, hat Schnabel gemeinsam mit einer ebenfalls seit Jahren mit dem Thema befassten Kollegin, der Historikerin Monika Tatzkow, nun ein Nachschlagewerk herausgebracht, das sie am Dienstag vorstellten. Es erklärt die juristischen Grundlagen der Restitutionspraxis in verschiedenen Ländern und erläutert an über 100 Fallbeispielen die unterschiedlichen Probleme der Restitutionspraxis („Nazi looted Art“, proprietas Verlag, 500 S., 39,80€, erscheint Mitte Februar). Darunter sind so spektakuläre Fälle wie der Berliner Kirchner, aber auch die Plakatkollektion des Berliner Zahnarztes Hans Sachs, für deren Verbleib im Deutschen Historischen Museum sich unlängst die Expertenkommission rund um Jutta Limbach ausgesprochen hat. Beides, so Schnabel, sind juristisch unanfechtbare Entscheidungen: „Die Probleme liegen selten bei den juristischen Regelungen, die sind zumeist klar und eindeutig. Die Probleme liegen im Sachverhalt, darin, zu entscheiden, ob es sich um Tatsachen oder um Behauptungen handelt.“

Das juristische Instrumentarium – darüber trägt das Handbuch alles Wissenswerte zusammen – muss also nicht überarbeitet werden. Vielmehr geht es um historische Aufklärung: darum, die Spuren jedes Bildes zu verfolgen. Denn anders als Immobilien oder Firmen mit Eintrag im Handelsregister sind mobile Objekte wie Kunstwerke längst in alle Welt verstreut. Und zudem oft so lange schon in Museen öffentlich zu sehen, dass sie emotional als Herzstücke der Häuser angesehen werden, Rechtsfragen hin oder her.

Da ist dann die Historikerin gefragt. Monika Tatzkow hat herausgefunden, dass ein restitutionsanhängiger Spitzweg aus der Sammlung Leo Bendel bis vor kurzem unbeanstandet im Bundespräsidialamt hing. Er stammt aus dem Restbestand der von Hitler zusammengeraubten „Linzer Sammlung“, der von den Alliierten nach dem Krieg mit der Auflage ausgehändigt wurde, die Ex-Eigentümer ausfindig zu machen. Doch nichts geschah. Nun kümmert sich eine Expertengruppe um die Aufarbeitung dieser sowie weiterer Altlasten. Das Bild zeigt übrigens eine Justitia-Statue, im Halbdunkel verborgen. Fiat Justitia. Fiat Lux.

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