Kultur : Lichtgestalten

Punk à la française: Phoenix in der Columbiahalle.

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Offenbar hat hier keiner seine Wikipedia- Hausaufgaben gemacht: Als Deck d'Arcy, der Bassist von Phoenix, in der Columbiahalle ankündigt, man hätte heute einen Geburtstag zu feiern, senkt sich ratloses Schweigen über die Menge. D'Arcy löst das Rätsel auf – es ist Sänger Thomas Mars, der an diesem Tag 37 Jahre alt wird. Spontan bildet sich ein dreitausendstimmiger „Happy Birthday“-Chor, was den Besungenen sichtlich rührt.

Der ständig um Publikumskontakt bemühte Mars ist das Sympathiezentrum der vierköpfigen, um einen Schwerstarbeit verrichtenden Drummer und einen Keyboarder erweiterten Band aus Versailles, die dazu beigetragen hat, dass französische Popmusik ihren provinziellen Ruf losgeworden ist. Verantwortlich dafür sind grandiose Songs wie „Consolation Prizes“, „Run Run Run“ oder „If I Ever Feel Better“, auf denen sie die von vielen Rockgruppen um die Jahrtausendwende wiederentdeckte Energie der Punk-Ära mit makelloser Hochglanzpolitur überzogen haben.

Dieses Prinzip funktioniert am besten auf ihrem Hit „Lisztomania“, mit dem sie – für einen französischen Pop-Act fast eine Unmöglichkeit – sogar den US-Markt geknackt haben: ein wüst voranpreschender Tanzfeger mit eingebremstem Mitsing-Refrain. Die Hinwendung zum Pop hat zur Folge, dass sich die Aufgabenverteilung im Konzert verschiebt. Bassist D'Arcy und Rhythmusgitarrist Christian Mazzalai stellen oft ihre Instrumente beiseite und entlocken Tastenkonsolen brutale Wabbelbässe oder hypnotische Synthielinien, während Mazzalais großer Bruder Christian Brancowitz der vor die Brust geschnallten Leadgitarre mit feinmechanischer Präzision Soloschraffuren entlockt. Beeindruckend ist nicht nur, welche Intensität sich Phoenix bei aller in 13 Bandjahren erworbenen Routine bewahrt haben. Sondern auch, wie sie die Segnungen der Bühnentechnik zu nutzen wissen: Der Sound ist zugleich kristallklar und wuchtig, die Lightshow ersetzt den Solariumsbesuch.

Zum Schluss lässt sich Thomas Mars sanft in die Menge fallen. Die drängt wie ein Schwarm Aquarienfische bei der Fütterung zu ihm hin. Jeder will ihn anfassen, den Lichtbringer im trüben November. Jörg Wunder

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