Kultur : Liebesgrüße per SMS

Der Dokumentarfilm „Startup.com“ porträtiert Aufstieg und Fall der Dot.com-Gesellschaft

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Kaleil Isaza Tuzman räumt seinen Schreibtisch. Er wirkt noch ein wenig unsicher – einen 300 000-Dollar-Job bei Goldman Sachs schmeißt man schließlich nicht so einfach hin –, doch Kali hat Großes vor. Und mit 27 muss man schließlich noch bereit sein, Risiken einzugehen. Kaleil will mit seinem Freund Tom eine Internet-Firma gründen. Ein Haufen Jungs mit Notebooks. Sie glauben, „das größte unerforschte Terrain im Netz“ gefunden zu haben. Zumindest die Investoren glauben ihnen das und der flockige Lounge-Sound der Thievery Corporation scheint ihnen Flügel zu verleihen.

Kaleil und Tom haben das Talent, viel Geld zu verlangen – und es zu bekommen. „GovWorks.com“ soll den Zahlungsverkehr zwischen Bürgern und Behörden erleichtern. Innerhalb eines Jahres werden sie mehr als 60 Millionen Dollar und 250 Mitarbeiter zusammentrommeln, ihre Geschichte wird groß in „Forbes“ und der „New York Times“ stehen. Sie werden mit Bill Clinton im Fernsehen diskutieren. Dann ist es plötzlich aus. Eine geplatzte Dot.com-Blase. Chris Hegedus und Jehane Noujaim haben sie minuziös begleitet. Bis zu 18 Stunden am Tag arbeiteten nicht nur die hoffnungsvollen Firmengründer, sondern auch das Filmteam. Hegedus ist die Frau des renommierten Dokumentarfilmers Don A. Pennebaker, der die Produktion betreute, Noujaim war am College die Zimmergenossin von Kaleil. Als sie mit den Dreharbeiten begannen, sah es zunächst so aus, als würde sich eine Erfolgsgeschichte wie „The War Room“ wiederholen, für den Hegedus und Pennebaker den Wahlkampf von Bill Clinton begleiteten. Doch GovWorks.com schafft trotz blendender Aussichten nicht mehr, als den Auftrag für die Park-Tickets der Stadt New York an Land zu ziehen.

Wie ein Schatten haben sich Hegedus und Noujaim an Kaleil und Tom gehängt. Die Kamera protokolliert Interna und Privates aus geringstmöglicher Distanz. Schmucklose Bilder, deren teilweise unglaublicher Gehalt manchmal mit Verspätung zündet; aber da ist die Geschichte in ihrem atemlosen Tempo schon längst weiter. Die Kamera zieht den Zuschauer in einen Kapitalismus-Reality-Container. Kaleil und Tom, Freunde seit dem 14. Lebensjahr, haben plötzlich Strategiebesprechungen und „Data Meetings". Ihre neuen Lieblingswörter sind „holistisch“ und „heuristisch". Mit ihren nächsten Menschen kommunizieren sie überwiegend am Telefon. Aber sie sind nicht Gordon Gecko aus „Wallstreet“ oder Patrick Bateman aus „American Psycho". Diese Turbo-Wirklichkeit ist viel spannender. Kaleil und Tom sind normal-geschäftstüchtige Amerikaner, die den Erfolg mit aller Gewalt wollen. Männer mit einer Mission eben.

Männer, die sich selbst bald nicht mehr im Spiegel erkennen. Kaleils Freundin sagt: „Sie sehen aus wie Gentlemen, so erwachsen in ihren Anzügen und Krawatten. Aber sie sind es nicht. Es sind nur Kinder.“ Als Kaleil ihr weder ein Kind noch – ersatzweise – einen Hund versprechen will, verlässt sie ihn. Seine nächste Freundin geht, als er auch abends um zehn keine Zeit für sie hat: „Ich muss jetzt ins Fitness-Studio". Eigentlich will Kaleil ihr sogar das per E-Mail mitteilen – während sie neben ihm sitzt. Kaleil wird bald auch seinen Freund Tom aus der Firma drängen, den Wachschutz anweisen, Tom als unerwünschte Person zu behandeln. Tom und Kalil gehen irgendwann wieder zusammen Hanteln stemmen. Dann gründen sie die nächste Firma. Eine, die krisengeschüttelte Dot.commies berät. Diese meisterhaft trockene Reportage können sie als Lehrmaterial verwenden. Ralph Geisenhanslüke

In Berlin im Kino fsk (OmU)

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