Kultur : Liebeslieder

Nation ist Emotion: Drei Spiegelfechter im Tipi

Kerstin Decker

Der Titel des Abends im Berliner Tipi-Zelt lautet „Die drei Redaktöre. Deutschland-Arien“. Auf dem Podium sitzen einheitsgraudunkel Matthias Matussek, „Spiegel“-Redaktör, Gabor Steingart, „Spiegel“-Redaktör, und Henryk M.Broder, „Spiegel“-Redaktör, weiß-bunt mit roten Papstschuhen. Matussek, Autor des Bestsellers „Wir Deutschen – warum die anderen uns gern haben können“, tritt ans Rednerpult und erklärt, was der Religionsphilosoph Ernest Renan im 19. Jahrhundert über die Nation wusste. Rasse? Religion? Sprache? Alles Unfug. Die Nation ist eine Emotion, eine große gemeinsame Emotion! Matussek hat das bei der WM gemerkt. Broder guckt wie ein – Selbstaussage – „Beute-Deutscher“.

Der Moderator ist aus Neutralitätsgründen ein Schweizer und will wissen, ob Matussek Dürrenmatt auch zu den Deutschen zähle. Matussek überlegt: „Dürrenmatt war ein großer Weintrinker ... natürlich war er ein Deutscher!“ Der Beute-Deutsche Henryk M. Broder, Autor des Bestsellers „Hurra, wir kapitulieren!“ gibt zu, dass Matussek Recht habe. Die Nation sei in der Tat eine große Emotion, ihm sei so isländisch zumute. Island! Keine Juden, keine Araber und nur wenige Deutsche – das gelobte Land. Matussek zeigt Nerven. Wenn sogar er, der einstige Hippie und Kiffer, das Gefühl der Nation entdecke, könne er auch von Broder Problembewusstsein verlangen. Eben für diese Seelenwahrheit: Man fühlt sich den eigenen Leuten doch näher. Broder schaut noch isländischer.

Gabor Steingart, „Deutscher mit Migrationshintergrund“, gibt zu bedenken, dass eine Nation, Emotion hin, Emotion her, eine Zugewinn-Gemeinschaft sei. Der Autor des Bestsellers „Weltkrieg um Wohlstand“ legt einen weißen „Adlon“-Bademantel aufs Pult und stellt einen knallroten Baby-Schuh dazu. Zwei Sinnbilder für das, was die Welt im Innersten auseinanderreißt. Der „Adlon“-Bademantel wird zum Waschen nach Polen gefahren und der bislang deutsche Babyschuh ab jetzt in Asien hergestellt. Die weltweiten Verabredungen, wie Rohstoffe und das Knowhow zueinanderkommen, seien nicht mehr westlich. Und die Produkte, die wir kaufen, zunehmend sozialstaatsfrei. Globales Rollback ins 19. Jahrhundert? Das, nicht die Nation, sei das Problem.

Broder besieht seine knallroten Schuhe und findet, so lange er sich dieselben wie der Papst leisten kann, sei die Welt in Ordnung. Und dass seine illegale polnische Putzfrau ihm gekündigt habe, weil sie sich ein Haus in Breslau gekauft habe, stimme ihn zuversichtlich. Abgesehen davon, dass in zehn Jahren statt der Bademäntel Burkas nach Polen zum Waschen gefahren werden. Und das, nicht die Nation oder das globale Rollback ins 19. Jahrhundert, sei das Problem.

Drei Deutschland-Tenöre, ziemlich dissonant. Und doch singen sie dasselbe Lied, dreistimmig. Sie haben es bloß noch nicht gemerkt.

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