Kultur : Lieblingsfeinde

Später Triumph: Frankreich entdeckt den Komponisten Hans Werner Henze – und besinnt sich auf die Moderne

Jörg Königsdorf

Der alte Herr genießt den Beifall. Jeden Abend lässt sich Hans Werner Henze aufs Podium der Pariser Salle Messiaen führen, scheint für einen Moment die Schmerzen zu vergessen, die das Gehen dem 76-Jährigen inzwischen bereitet, legt etwas kokett die rechte Hand auf das Revers mit dem Ordensband der Ehrenlegion und badet im Jubel des Publikums.

Henze gibt gerne zu, wie sehr ihm diese Auftritte gefallen. In der Tat ist die Hommage außergewöhnlich, mit der Radio France den wohl bekanntesten lebenden deutschen Komponisten jetzt zwei Wochen lang geehrt hat. Das gesamte sinfonische Werk stand diesmal im Mittelpunkt der Présences, Frankreichs wichtigstem Festival für zeitgenössische Musik: ein Mammutunternehmen, für das sechs Orchester und Dirigenten vom Range Kurt Masurs und Myun-Whun Chungs eingespannt wurden.

Wenn Henze nicht nur von Freude über diese Initiative, sondern von Genugtuung spricht, hat das seinen Grund. Denn für ihn bedeutet der späte Einzug in Paris zugleich einen Triumph über seinen langjährigen Lieblingsfeind Pierre Boulez. Seit die Komponistenavantgarde um Boulez den Deutschen anlässlich einer skandalumwitterten Aufführung von Henzes „Nachtstücken“ bei den Darmstädter Tagen für Neue Musik aus ihrem Kreis verstoßen hat und als Traditionalisten brandmarkte, nagt dieser Groll an ihm. Bis heute, gab Henze dem „Figaro“ im Vorfeld der Présences trotzig zu Protokoll, „habe er nicht eine einzige Note von Boulez gehört“. Und noch immer spricht er mit Verbitterung von den diktatorischen Tendenzen, die damals die Musikszene vergiftet hätten.

Und tatsächlich, so alt dieser Zwist zwischen den beiden inzwischen nahezu 80-Jährigen sein mag, seine Folgen sind zumindest in Frankreich bis heute spürbar. Die Mehrzahl der Henze-Sinfonien wurden bei den Présences zum ersten Mal überhaupt im Nachbarland aufgeführt. Selbst ein spektakuläres Stück wie die Neunte, die bald nach ihrer Berliner Uraufführung 1997 ihren Weg durch die großen Konzertsäle antrat, wurde in Paris bislang hartnäckig ignoriert. Während überall sonst in der Welt in den achtziger und neunziger Jahren die Rückbesinnung auf tonales Komponieren in tradierten Formen wieder die Oberhand gewann, blieb in Paris der Boulezsche Avantgarde-Begriff tonangebend – während von Finnland bis China längst wieder Musik in den ehernen Parametern von Melodie und Rhythmus geschrieben wurde, werkelte man an der Seine weiter an Zahlenreihen und elektronischen Experimenten.

Doch damit soll nun Schluss sein – zumindest wenn es nach dem Willen von René Bosc geht. Der 46-Jährige ist seit drei Jahren Chef von Présences und hat sich vorgenommen, das Festival zur Plattform aller wichtigen Richtungen der Zeitgenössischen Musik zu machen. „Wenn Komponisten Kulturpolitik machen, sind sie meist zu dogmatisch und schließen einfach das aus, was ihnen nicht gefällt“, erklärt er mit kaum verhohlener Kritik an der grauen Eminenz Boulez. Bosc setzt stattdessen auf größtmöglichen Pluralismus und will seine Henze-Hommage durchaus als Wendepunkt verstanden wissen: „Die zeitgenössische Musik muss wieder zu einem größeren Publikum finden. Und für mich zeigen die Aufführungen vor allem, dass es für Henzes Musik auch hier ein solches Publikum gibt.“

In der Tat: Fast jeden Abend ist der Messiaen-Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, und das wohl nicht nur, weil der Eintritt zu den Festival-Konzerten frei ist. Neben den gewichtigen Werken des deutschen Sinfonikers bekommt das Publikum freilich auch zu hören, wonach Frankreichs jungen Komponisten der Sinn steht: Sinfonien und Konzerte, als hätte es Boulez nie gegeben. Unverkrampft bedienen sich etwa Thierry Pécou mit seiner Sinfonie du Jaguar und Jean-Louis Agobert in seinem vitalen Konzert für drei Klarinetten und Orchester in den Farbkästen von Weltmusik, Jazz und Kolonialfolklore. Den alten Formen geben sie einen neuen Anstrich und zeigen, dass im Schatten der gealterten Avantgarde auch in Frankreich die Trends vor allem der britischen Komponistenszene auf offene Ohren gestoßen sind.

Nächstes Jahr im Châtelet

Auch das eine Genugtuung für Henze: Die Jungen folgen nicht Boulez, sondern seinem eigenen Weg zurück zur Tradition. Die zyklische Aufführung des zehnteiligen sinfonischen Oeuvres zeigt allerdings auch, dass diese Stücke die Zeit gut überstanden haben. In einer Epoche, in der weltweit so viele Sinfonieorchester gegründet wurden wie seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr, ist Henzes aus Postromantik und klassischer Moderne destillierte, handwerklich ausgefeilte Orchestersprache schon aus aufführungspraktischen Gründen im Vorteil - als Musik, zu der jeder Mahler- und Strauss-kundige Kapellmeister ebenso einen Zugang finden kann wie seine Hörer. Mehr noch, die Übersicht über den gesamten Werkkorpus in zeitlichem Abstand (die erste Sinfonie entstand 1947, vor nunmehr über einem halben Jahrhundert) macht deutlich, dass Henzes Werk auch jenseits erregter Stildebatten einen unvermindert gültigen expressiven Kern besitzt.

Bereits in den frühen Sinfonien, die noch von Anleihen an Strawinsky, Berg und andere Klassiker durchsetzt sind, dringt vor allem in den langsamen Sätzen Henzes Begabung für die expressive Melodie hervor, gelingen ihm klangmagische Momente. Schon hier fokussiert er die Spannung zwischen Masse und Individuum, Einzelstimme und Orchestertutti, die in jeder Sinfonie wieder in ein anderes Gleichgewicht zu bringen ist. Am faszinierendsten und dichtesten (auch das beweist der Zyklus) geschieht dies in der katastrophischen siebten und der achten Sinfonie, mit deren exemplarischer Aufführung durch das Orchestre Philharmonique de France und seinen Chefdirigenten MyunWhun Chung das Festival am Wochenende ausklang.

Frankreich jedenfalls hat gerade erst begonnen, Hans Werner Henze zu entdecken: Im nächsten Jahr wird das Pariser Châtelet seine bedeutendste Oper, die „Bassariden“ aufführen. Der alte Meister freut sich schon jetzt darauf.

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