Kultur : Lied der Straße

Arnold Esch studiert die römische Verkehrsordnung.

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Wer den touristischen Hundertschaften vorm Petersdom und dem Gekreisch der Vespas in Roms engem Zentrum entgehen will, braucht nur den Bus zu nehmen. In etwa einer halben Stunde steht man in der ewigen Sonntagsruhe der weiten römischen Campagna auf der Via Appia Antica. Schnurgerade zieht sie sich dahin und durchschneidet die Landschaft – so sieht machtbewusste imperiale Raumbewältigung aus. Die großen Konsularstraßen wie die Via Appia und die Severiana nach Süden oder die Via Flaminia und die Cassia nach Norden waren das Rückgrat des Römischen Reichs. Sie verbanden die Kapitale mit den entfernten Provinzen, waren die Infrastruktur seiner Globalität. Doch auch Imperien vergehen. Dem Reich, das in Kleinräume zerfällt, kommt der Fernverkehr abhanden, seine Straßen folgen keiner geraden Linie mehr, sondern werden zu Nahzielen abgelenkt. Doch lässt sich ihr ursprünglicher Verlauf meist in der Landschaft lesen.

Das hat der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gerade mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa auszeichnete Arnold Esch getan und ein faszinierendes Buch über das verfallende römische Straßensystem geschrieben. Esch, Archäologe, Mittelalterexperte und bis zu seiner Emeritierung Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, ist die weniger bekannte Via Amerina von Rom nach Amelia in Umbrien ganz wörtlich abgegangen. Während der erste Teil seines Buchs den historischen Funktionswandel des nachantiken Straßensystems beschreibt, ist der zweite ein Kultur-Wanderführer. Weil die römische Straße natürliche Hindernisse kompromisslos durch Kunstbauten überwand, trifft man oft auf Überreste von Brücken, Dämmen oder Böschungen. Zudem findet Esch die ursprüngliche Pflasterung nahe der Ruinen von Meilensteinen oder Grabstätten wieder. Besonders gut erkennt man den Verlauf und die raumordnende Macht der Straße, wo die ehemals verbindende Trasse – paradoxerweise – zur Grenzziehung zwischen Besitzungen dient: Nicht der Zustand der Straße entscheidet über ihre Erhaltung, sondern ihre Funktion. Dann heißt es: „Man überschreite weiter östlich irgendwie den Bach.“ So abenteuerlich klingt es, wenn die Archäologie ins Gelände geht. Steffen Richter

Arnold Esch:

Zwischen Antike

und Mittelalter. Der Verfall des römischen Straßensystems

in Mittelitalien und

die Via Amerina.

C.H. Beck, München 2011. 208 S., 38 €.

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