Kultur : Lieder der Macht

Christina Tilmann

spürt

den neuen Theaterfrauen nach

Sie sind schmal, blass – und ziemlich stählern, die neuen Ladies des deutschen Theaters. Judith Engel, Anne Tismer, Fritzi Haberlandt, Nina Hoss, Maren Eggert, Bibiana Beglau. Und sie spielen ihre Partner locker an die Wand. Jon Fosse, der neue norwegische Strindberg, hat das Beziehungsschema auf den Punkt gebracht. In Stücken wie „Der Name“ oder „Die Nacht singt ihre Lieder“, von Romuald Karmakar fürs Kino gerade noch einmal zugespitzt. SIE rebelliert, streitet, kämpft – ER liegt schlaff auf dem Sofa herum und regt sich nicht. Kein Wunder, dass „Ich halte das nicht mehr aus“ der Schlüsselsatz solcher Beziehungsdramen ist.

Sie halten viel nicht mehr aus, diese Noras und Lulus, die in den letzten Jahren wieder vermehrt die Bühne bevölkern. Terminator-Frauen, die am Ende selbst die Pistole ziehen, wenn es zur Abrechnung geht. Selbst Emilia muss nicht mehr sterben. Ob sie damit glücklicher geworden sind, weiß man zwar nicht, aber sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Höchste Zeit also, eine Renaissance der starken Frauen auszurufen, die die Theater zwischen Hamburg und Berlin mit gezielten Parallelaktionen befördern: Vor zwei Jahren war es – an der Berliner Schaubühne und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Ibsens „Nora“, die die Kritik jubeln und die Kassen klingeln ließ, nun ziehen, in Regie von Michael Thalheimer und Thomas Ostermeier, das Thalia-Theater und wiederum die Schaubühne mit Frank Wedekinds „Lulu“ nach.

Man weiß nicht recht: Liegt diese Dominanz der Frauen auf der Bühne an der neuen Regisseursgeneration, an Michael Thalheimer, Thomas Ostermeier, Stefan Kimmig oder Stefan Pucher? Oder doch an den Schauspielerinnen, die plötzlich so präsent, so stark und sperrig sind, dass sie die Szene einfach beherrschen? So gar nicht mehr elegisch und in Schönheit leidend wie die alte Schaubühnen-Generation rund um Corinna Kirchhoff, Jutta Lampe, Edith Clever?

Sensibel sind heute höchstens die Regisseure, die die Frauen so auffällig in Szene setzen. Stärke und Schwäche, Sensibilität und Power bedingen sich gegenseitig. Und verteilen sich auf der Bühne zurzeit doch recht einseitig.

Denn diese Noras, Lulus, Lillis würden nicht so strahlen, hätten sie bessere Sparringspartner. Der Widerstand, den ihnen ihre männlichen Gegenspieler entgegensetzen können, tendiert gegen Null. Und gibt es schon mal einen, einen echten Charakterkopf wie Ingo Hülsmann zum Beispiel, wird er prompt regelmäßig in Nebenrollen verbannt. Das war anders, früher, als ein Ulrich Wildgruber noch die Bühne beherrschte oder Bruno Ganz, Otto Sander, Ulrich Matthes, Rolf Boysen, Thomas Holtzmann. Als – sicher – die Frauen wie Eva Mattes, Jutta Lampe, Angela Winkler, Tina Engel oder Libgart Schwarz nicht weniger stark waren, aber das Gleichgewicht ein anderes war.

Ja, und was lernen wir daraus? Dass die alte Forderung, die Männerwelt möge nicht so den Macho spielen, sondern einfühlsamer werden, sensibler, verständnisvoller, dann doch auch mal waschen, bügeln, einkaufen gehen und das Kind wickeln, zumindest auf der Bühne zu lauter Weicheiern geführt hat? Das wäre vielleicht doch zu simpel. Denn das Gegenbeispiel liefert natürlich wieder die Volksbühne, mit ihrer Phalanx von Bernhard Schütz, Martin Wuttke, Herbert Fritsch und Henry Hübchen. Starke Männer, wohin man blickt. Und: Auf dem Regiestuhl sieht das alles noch anders aus. Es sind immer noch zumeist Männer, die diese Noras und Lulus erfunden und in Szene gesetzt haben.

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