Kultur : Lieder nach dem Sommer

Literaturfestival Berlin: der amerikanische Dichter Robert Hass – endlich übersetzt

Volker Sielaff

San Francisco war immer ein gutes Pflaster für die Poesie. Hier trug Allen Ginsberg zum ersten Mal sein visionäres Langgedicht „Howl“ vor. Hier ließ sich der zivilisationsmüde Robinson Jeffers mit seiner Frau Unna nieder und baute sich aus Felsbrocken ein Haus am Strand. Hier schrieb der Beatpoet Gary Snyder seine meditativen Naturgedichte, und hier verteidigte Robert Duncan klassische Sujets und metrische Eleganz. Robert Hass, 1941 in San Francisco geboren und heute Professor an der University of California in Berkeley, bewundert sie alle und ist natürlich auch bei Ezra Pound, William Carlos Williams und Walt Whitman, den Gründervätern der amerikanischen Dichtung, in die Schule gegangen. Er hat darüber aber Europa und Asien nicht vergessen, wie sein Essayband „Twentieth Century Pleasures“ beweist: Als geistige Verwandte nennte er auch Czeslaw Milosz und Tomas Tranströmer (deren Werke er übersetzt hat), Rainer Maria Rilke sowie die alten Chinesen und Japaner.

Alle diese Stimmen, über die er schon vor drei Jahren Auskunft gab, als er zur S.-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität schon einmal nach Berlin gekommen war, durchwehen sein Werk. Dabei ist es überraschend eigenständig geblieben. Die Gedichte von Robert Hass sind lichte Gegenwart, der Bambus flackert in ihnen, der Pflaumenbaum wogt. Und: Sie blicken immer durch „zwei Fenster“, wie Hans Jürgen Balmes, der Übersetzer seines ersten auf Deutsch erschienenen Bandes, im Nachwort zu „Die Wünsche der Menschen“ anmerkt. Da ist das „Fenster nach Osten, das vor allem durch die Lektüren von Ezra Pound und Kenneth Rexroth aufgestoßen worden war und die Unmittelbarkeit von Schrift und Bild feierte“; und das „Fenster nach Europa mit seiner Geschichte, seinen gnostischen Theorien, seinen Katastrophen und dem langen Blick des Mitleids“. Der große Zenmönch und Haiku-Dichter Matsuo Basho und der Psychoanalytiker Jacques Lacan reichen sich die Hand.

So erzählerisch viele Gedichte daherkommen, Hass, Mitte der Neunziger poet laureate der USA, geht es immer auch um die Form, um die „Ordnung“: „Ich hatte die Vorstellung, die Welt sei so voller Schmerz, / dass es manchmal eine Art Singen ergibt. / Und dass die Abfolge, so wie eine Ordnung eben, hilft– / erst das Ego, dann der Schmerz und dann das Singen.“ Denn Singen, das sollen diese Gedichte. Ein Glück, wie gut Hans Jürgen Balmes ihre Melodie und ihren Rhythmus übersetzt hat. Sie sind dabei nicht so harmlos, wie es manchmal den Anschein hat. Hass „ist kein Idylliker“, schrieb Joachim Sartorius 1998 in der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“, die eine kleine Auswahl seiner Gedichte veröffentlichte. Dazu sei sein „Sinn für Schmerz und Leid zu geschärft“.

In den Siebzigerjahren begann Hass, japanische Haikus zu übertragen. Von diesen „Haiku-Studien“ lernte er für seine eigene Dichung, den zitternden Augenblick ins Gleichnishafte zu wenden. So finden sich in seinem ersten, 1973 erschienenen Band „Field Guide“ etliche Dreizeiler „Nach dem sanften Dichter Kobayashi Issa“ und eine Verbeugung vor Matsuo Basho. In dem Text „Lieder, um den Sommer zu überstehn“ aus seinem zweiten Band „Praise“ (1979) wird die Form der Dreizeiler abgewandelt wieder aufgenommen. In seinen jüngeren Veröffentlichungen, „Human Wishes“ und „Sun Under Wood“ – aus allen vier Büchern bedient sich die deutschsprachige Auswahl – dominiert dann der epische Atem, die Zeilen gehen übers ganze Blatt, die Grenze zur lyrischen Prosa wird fließend.

Die Jahreszeiten und ihre Kraft spielen im Werk von Robert Hass seit jeher eine große Rolle; immer wieder ist vom Meer die Rede, von Tieren, Früchten, von Mann, Frau und Kindern: „und dann nach Sonnenuntergang die erste Kühle, die Kinder schlafen / so fest nach dem Spielen, dass es eine Freude ist, ihnen zuzusehen.“ Dagegen führt das Gedicht „Palo Alto: Die Marsch“ den Leser zurück in die Gründerzeit Kaliforniens, den „Bärenflaggen-Krieg“, die Zeit erster spanischer Besiedelung und der Unterwerfungsfeldzüge der weißen Amerikaner. Stumm schaut die Natur dabei zu, „Die Sterndistel: aufrecht, erstaunt“. Zu Morast und Wurzeln gesellen sich „alte Patronenhülsen und Blut“, später Napalmfässer. Denn auch Vietnam liegt am Pazifik. Aber bloße Entrüstung in Gedichten, so hat Robert Hass einmal gesagt, würde ihn nur „beschämen“. Ein entwaffnender Humor steckt dafür in manchen seiner Verse, aus denen wir, trotz allem, wie nach einem Bad im Ozean und in der Sonne, gereinigt hervorgehen können: „Oft sind wir traurige Tiere./Gelangweilte Hunde, verregnete Affen.“

Robert Hass: Die Wünsche der Menschen. Gedichte. Aus d. Amerikanischen von Hans Jürgen Balmes. Ammann, Zürich 2005, 128 S., 16,90 €. – Termine beim Internationalen Literaturfestival: 13. 9. , 21 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 14.9., 19.30 Uhr, Stiftung Brandenburger Tor (Hommage an Czeslaw Milosz mit Durs Grünbein); 15. 9., 20 Uhr, Whisky & Cigars.

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