Kultur : Lies mich, ich bin ein Zeichen!

Wohin mit dem Märchen? Jan Bosse inszeniert Ibsens „Peer Gynt“ im Maxim Gorki konsequent vom Ende her

Andreas Schäfer

An der Rampe steht ein Schuh. So offensiv ausgestellt und verzweifelt flüsternd: Lies mich, ich bin ein Zeichen, dass wir dem Schuh, der Kostümbildnerin Kathrin Plath und dem Regisseur Jan Bosse gern den Gefallen tun. Also: Es handelt sich um einen Damenschuh mit einem ungefähr drei Zentimeter hohen Absatz, dessen Riemchen in mattem Gold schimmern. Die Form ist eher schlicht als aufreizend, der Schuh ist mehr Mädchen- als Femme-fatale-Modell und seine Ausstrahlung mehr rührender als erotischer Natur. Falls dieser Schuh etwas verspricht, dann die Verzauberung des Herzens (und nicht den Rausch der Sinne). Bei seinem Anblick gerät man automatisch in Sorge: Was ist bloß mit der dazugehörigen Prinzessin passiert, dem armen Kind?

Nun, die Prinzessin ist auch da, sie heißt Solveig (Marina Galic) und kraxelt gerade auf einem großen Pappkasten herum, der aus vielen kleinen Pappkartons besteht, die Stéphane Laimé auf die Bühne gestapelt hat. Später steht Solveig im Inneren dieses Kartonhauses und guckt mit großen Augen in eine Kamera, die ihr Gesicht auf die Außenwand des Kartonhauses überträgt. Noch später ist sie weg – dafür klettern langhaarige Vampire über die Kartons, nehmen tiefe Schlucke aus der Kunstblutflasche und sauen mit ihrem Inhalt einen jungen Mann namens Peer Gynt ein. Und je länger der Schuh, unberührt von dem Geschehen, an der Rampe steht, desto deutlicher wird: Der Schuh ist kein Versprechen, er ist ein Alibi. In ihm hat das Team um Jan Bosse alles Märchenhafte der Vorlage entsorgt, um sich nicht weiter darum kümmern zu müssen.

Schlau oder konsequent durchdacht ist sie schon, die dreieinhalbstündige Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt“, die vor einigen Tagen am Thalia-Theater in Hamburg herauskam und nun an der Koproduktionsspielstätte, dem Maxim-Gorki-Theater, zu sehen ist. Bosse entwirft sie vom Ende her, vom sogenannten Zwiebelmonolog. Nach einem selbstsüchtigen Leben erkennt der altgewordene Peer, der als junger Mensch vom Kaiser-Werden träumte und bei der Umsetzung seiner halb kindlich-märchenhaften, halb monströs-geschäftsmäßigen Herrschaftsfantasien und auf seinen suchenden Verwirklichungsreisen durch das Land der Trolle und Dämonen, durch Marokko und Ägypten zum Menschenhändler, Mörder und Frauenbenutzer wurde – am Ende erkennt Peer also, dass es das Selbst, das er so unbedingt realisieren wollte, gar nicht gibt. Nur eine Schale unter der anderen, ein Bild, das das nächste ablöste. Das Leben ist ein einziges Außen – und das Bild, das Bosse dafür findet, ist eindrücklich: Ein Haus, zusammengebaut aus leeren Kartons, in dessen Inneren nichts ist, nichts, bis auf eine Kamera, die auch wieder nur Bilder, also Unwirklichkeit produziert. Unser Selbstverwirklichungswahn ist die Hölle! Aber eine Hölle, die nicht schmerzhaft brennt, sondern sich papptaub anfühlt.

Das Problem von Ibsens Stationendrama ist zugleich sein Reiz. Bei Ibsen folgt die Erfahrung der Unwirklichkeit einer unwirklichen, dafür aber eben zauberhaft märchenhaften Reise durch Feenreiche und Trollkerker. Bei Bosse ist auch das Märchen nur ein Bild. Es wird als Zitat aufgerufen (der Schuh!) und in seiner Gemachtheit vorgeführt, weshalb das siebenköpfige Ensemble sich vor den Augen der Zuschauer den Trollschnurrbart anklebt und beim Rollenwechsel wieder abnimmt. Es ist wahr: Trollszenen stellen heutzutage eine gewisse Herausforderung dar. Peter Zadek hat es vor einigen Jahren mit dem ganzen Theaterillusionsklimbim probiert, was nur bedingt glaubwürdig war. Aber ganz auf Zauberei zu verzichten und stattdessen mit Augenzwinkern immer wieder zwischen Vampir-, Erotik- und Wildwestversatzstücken hin und her zu springen – das mag zwar konsequent sein, ist auf Dauer aber zäh und ohne Poesie.

Jens Harzer ist Peer Gynt. So wie seine Schauspielkollegen die Kostüme wechseln, ändert er auf der Suche nach seinem Kern die Darstellungsweisen. Eben noch zaghaft und irgendwie seinen Worten hinterherlauschend, gibt er im nächsten Moment den geheimnisvoll lakonischen Verführer, um gleich darauf mit schnarrender Bruno-Ganz-Stimme herrisch durch seine Wahnwelt zu toben. Beeindruckend. Berühren mag dieser Faust des Nordens erst im Zusammenspiel mit der herausragenden Karin Neuhäuser. Sie spielt Peers Mutter Aase mit kühl durchschauender Nüchternheit und muttertierhaftem Beschützergeist und ist den Lügengeschichten des Sohnes gleichzeitig mit kindlicher Ohnmacht ausgeliefert, wie die anderen auch. Bei Neuhäuser sind die fließenden Übergänge nicht virtuos, sondern von Leben durchpulst. Was an der Rolle liegen mag. Sie will nicht krampfhaft Ich sein. Sie liebt und weiß.

Wieder am 27. und 30. Oktober

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