Kultur : Lindenau-Museum: Farbige Wolkenbrüche

Klaus Hammer

Vor zwei Jahren hatte Carlfriedrich Claus den Thüringer Gerhard-Altenbourg-Preis erhalten, Sachsens Avantgardist einer eigenständigen intermediären Kunst. Seine Nachfolge als Preisträger hat nun der Berliner Maler Zeichner, Bildhauer und Objektkünstler Walter Libuda angetreten, der jedoch in Thüringen, einem kleinen Ort unweit von Altenburg geboren ist. Es mag kein Zufall sein, dass die beiden ersten Preisträger aus Ostdeutschland kommen, denn mit dem Preis sollen herausragende Künstler gewürdigt werden, die in ihrer künstlerischen und geistigen Haltung dem im Dezember 1989 tödlich verunglückten Gerhard Altenbourg verwandt sind. Dennoch ist der mit 100 000 Mark dotierte Preis, dessen größter Teil für eine Werkschau einschließlich Katalog verwendet wird, nicht an Alters- oder Landesgrenzen gebunden.

Die Retrospektive des diesjährigen Preisträgers im Lindenau-Museum Altenburg steht unter dem sinnfälligen Titel "Die Höhle füllt den Berg". Denn die Beziehung von Innen und Außen, von Sichtbarem und Unsichtbarem, Wahrnehmung und Vorstellung, Objektivierbarem und Subjektivem bestimmt Libudas Werk. Sein Interesse zielt neben der malerischen Oberflächen immer auch auf ihren inneren Gehalt. In Altenburg hat man mit Ausnahme der italienischen Frührenaissance, seit je die Pretiosen des Hauses, das ganze Haus ausgeräumt und zeigt annähernd 300 Arbeiten, Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Keramiken, Objekte, Reliefbilder bzw. Objektkästen.

Im Zentrum stehen 15 seit 1978 entstandene Werkgruppen - "Kreuztragung", "Die Kammer", "Dicker Mann", "Die Werbung", "Kind mit totem Tier", "Das Bett", "Die Spritze", "Die Bergung", "Frau am Klavier" oder "Römische Falle". Libuda kreist seine Bildthemen mit ganz unterschiedlichen Techniken, Materialien und Kunstgattungen ein. Bei manchen dieser malerischen Körper nimmt man noch den Geruch der Farbe wahr. Libuda hat bis zuletzt an ihnen - immer an mehreren zugleich - gearbeitet, über Jahre hinweg; sie weggestellt, wieder hervorgeholt und auch nach Beendigung der Ausstellung, die nach Osnabrück weitergeht, wird er an vielen weiterarbeiten.

Die Bildtitel sind trügerisch, nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Eingesetzt in den juwelenartig funkelnden und wie magnetisch geordneten Ströme lassen sich Figurationen ausmachen, gerade noch vorm Verschwinden im Grund gerettet. Libudas Bilder gleichen einer Bühne für Poesie, Verwandlung, Zauber, venezianischer Karneval, Puppenspiel, "Alice im Wunderland", wie Jörn Merkert, Direktor der Berlinischen Galerie, in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung desFred-Thieler-Preis 1998 formuliert hatte. Eher wohl noch "Alice hinter den Spiegeln". Denn dahinter steht die moderne Erfahrung von Abgründigkeit und Bodenlosigkeit, die in der Malerei dazu führt,dass ihre Darstellungsmittel auseinandertreiben und sich nicht mehr zu bildlicher Darstellung fügen wollen. Geblieben sind die Archetypen unserer Vorstellungswelt, der Traum vom Fliegen etwa, das fremde Erleben des Selbst, seiner verdrängten Seiten. Überhaupt die Rettung unserer Träume vor dem zugriff der Hexe Rationalität, die ausgemalten Höhlen, die Schutz vor bösen Geistern bieten sollen. Die Beschreibung menschlicher Existenz zwischen Himmel und Erde, Wirklichem und Möglichem gleicht einer prekären Odyssee.

Gegen die Gefahr der Auflösung der Malerei als Erinnerung setzt Libuda die schwere Körperlichkeit der künstlerischen Mittel, seine Wolkenbrüche in Farbe, durchzuckt von Pinselschlägen. Trotzdem bleiben die Strukturen immer offen. Ähnlich wie bei Altenbourg, auch wenn Libuda ganz andere Wege geht.

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