Kultur : Lindenduft

Jessye Norman haucht in der Philharmonie

Sybill Mahlke

Mit umarmender Gebärde betritt Jessye Norman, die große Sängerin, im Scheinwerferlicht das Podium: „Guten Abend Berlin!“ Die innige Begrüßung, das vertraute Siegerinnenlächeln des schönen Gesichts scheinen nicht wahrnehmen zu wollen, dass im Saal viel zu viele Plätze leer geblieben sind. Sie mag die überfüllte Philharmonie von früher in Erinnerung haben, als derAndrang zu ihren Liederabenden und Philharmoniker-Konzerten kaum zu bewältigen war.

Jetzt sitzt das Publikum, der pfundigen Eintrittskosten wegen, sichtbar eingeteilt in Preiskategorien. Und schon vor dem ersten Lied beginnt das Krabbeln aus dem billigeren Höhenbereich, wo sicher die wahren Jessye-Fans sich sammeln, in die tieferen Blöcke. Nach der Pause ändert sich das Bild, weil eine kleine Völkerwanderung die Reihen im Rücken der Künstlerin leergefegt hat.

Das Fan-Dasein, das Idolisieren eines Künstlers hat mit Treue zu tun. Und es ist rührend und ans Herz greifend zu erleben, wie die Sängerin geliebt wird. Standing Ovations setzen sofort nach dem letzten Ton des offiziellen Programms ein. Dann wendet sie sich mit den obligaten Zugaben, dem umfassenden „Habe Dank!“ der „Zueignung“ von Richard Strauss und der „Widmung“ von Robert Schumann, an die jubelnde Schar. Bevor „Summertime“ erklingt – fein ausziseliert der eigentliche Höhepunkt des Abends –, bildet sich im Parkett eine lange, geduldige Menschenschlange, mit Geschenken versehen, Blumen, Brieflein, Päckchen. Und Jessye Norman widmet sich jedem Einzelnen, der zu ihr auf die Bühne kommt, mit einem kleinen persönlichen Gespräch: Habe Dank!

Solche Treue bewährt sich eben auch dann, wenn die Natur anfängt der Stimme, die eine Jahrhundertstimme war, Einhalt zu gebieten. Das Programm The Five Seasons mit den Abteilungen Summer, Winter, Spring, Fall und Eternal Love ist ehrgeizig in wirrer Buntheit. Eine aleatorische Mischung von Alban Berg zu Gershwin, der dem Pianisten Mark Markham näher liegt als die deutsche Romantik, und von Schubert zu Wagner, dem Wesendonklied „Träume“. Da werden Gedanken an die Isolde der Interpretin Jessye Norman wach, an das unvergessliche Strömen ihres Gesanges bis hin zur „höchsten Lust“.

Seltsam, dass „Meine Liebe ist grün wie der Fliederbusch“ von Johannes Brahms bei dieser Vortragsfolge im kalten Winter blüht. Die Wortinterpretation des romantischen Liedes jedoch, das Jessye Normans Welt war, ist geschwunden, viel Getragenes wird gehaucht, die Intonation schwächelt, Einzeltöne, Tontropfen tremolieren. „Autumn Leaves“ fallen leise, ein Summen im Pianissimo, Kunst der Andeutung. Abglanz bleibt in Gustav Mahlers „Lindenduft“. Das alles tut weh. Was wir aber feiern wollen, ist ein Lebenswerk. Sybill Mahlke

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