Kultur : Linke Hälfte

Beim Gründungskongress der Neuroästheten

Nicola Kuhn

Künstlern war schon lange vor der Wissenschaft klar, dass in der visuellen Wahrnehmung die Form erst nach der Farbe kommt. Das saß. Nach der Feststellung von Christine Macel, Kuratorin am Centre Pompidou in Paris, zeigte sich der Münchner Neurowissenschaftler Ernst Pöppel in seinem Vortrag einen Moment lang zerknirscht und wollte hinwerfen.

Natürlich hat er es nicht getan, sondern einen brillanten Vortrag beim Gründungskongress der „Association of Neuroesthetics“ in der Berliner Charité gehalten: über den in Sprache, Musik und Dichtung stets wiederkehrenden Drei-Sekunden-Takt und warum auf Gemälden immer die linke Hälfte einen stärkeren Akzent besitzt und Mona Lisas Lächeln vornehmlich am linken Mundwinkel sichtbar wird. Die wissenschaftliche Erklärung: Die rechte, emotionalere Hirnhälfte empfängt spiegelverkehrt die entsprechenden Signale.

Die Lacher hatte der Direktor des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie damit auf seiner Seite. Die größere Nachdenklichkeit aber löste sein Kollege Semir Zeki, Neurobiologe am Londoner University College aus. Denn bei aller Sympathie, mit der Künstler und Neurowissenschaftler in den letzten Jahren einander begegnen, warnte er vor Überstürzung. Er empfahl, die gegenseitigen Grenzen achtend, voneinander zu lernen. Und trotzdem war die Auftaktveranstaltung der frisch gegründeten Neuroästhetischen Vereinigung ein viel versprechender Start.

Olafur Eliasson präsentierte seinen gegenwärtig in der Berliner Galerie Neugerriemschneider laufenden Film, der das Phänomen der Bilder und Nachbilder in bewährt poetisch-technizistischer Manier beschwört. Wie schon bei seiner gigantischen Sonne in der Londoner Tate Gallery, die aus zahllosen Neonröhren gebildet war, bestaunt das Publikum letztlich ein physikalisches Phänomen. Den wenigsten aber ist klar, dass der Künstler bei seiner Arbeit stets den mitwirkenden Beitrag des Betrachters im Sinne hat. „Ich projiziere Rot, der Zuschauer projiziert als Co-Produzent des Films im Nachbild die Farbe Grün“, erklärte er.

Ähnlich arbeitet der Pariser Künstler-Architekt Philippe Rahm, dessen Räume durch abstrakte Faktoren wie Licht, Luft, Temperatur gebildet sind, die wiederum konkreten Einfluss auf den Körper haben. Wie einst die utopischen Architekten in den 1920ern will er das Haus der Zukunft konstruieren, in dem sich die Temperatur und damit das Wohlbefinden der Bewohner selber reguliert.

Die Begegnung im Langenbeck-Virchow-Haus mit Besichtigung der neu eingerichteten Fachbibliothek in der Charité lässt ahnen, wohin die Reise geht. Künstler wie Carsten Höller, Olaf Nicolai, Thomas Demand sind fasziniert vom Phänomen der Wahrnehmung. Bei der Wissenschaft finden sie entsprechende Anregungen. Umgekehrt stellen ihre Werke Denkmodelle für die Forschung dar. Denn das war allen Beteiligten klar: Es gibt nur die Realität des Gehirns. „Kunst ist eine in den Raum gestellte Fiktion“, konstatierte Christine Macel. Die neugegründete „Association of Neuroesthetics“ könnte daraus manche Anregung beziehen. Ähnlich wie jener Naturwissenschaftler in den zwanziger Jahren: Er veröffentlichte eine schöne Formel, deren Beweis er aber erst ein Jahrzehnt später zu erbringen vermochte. Nicola Kuhn

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