Linz : Raus aus der Provinz

Martin Hellers ehrgeiziges Programm für das Kulturhauptstadt-Jahr.

Frederik Hanssen
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Endstation Oberösterreich. Die Haltestelle Weltrettung aus dem Projekt „52 Wege, die Welt zu retten“. Foto: Linz09

„Wer einen Feind sucht, dem biete ich mich an.“ Martin Heller, der die oberösterreichische Metropole Linz durch ihr Jahr als europäische Kulturhauptstadt führen soll, geht in die Vollen. Wien nennt er den Ort mit dem „höchsten Arroganzpegel der Welt“, das Festival-Mekka Salzburg eine „Zuckerbäckerstadt mit ödem Alltag“, und von den Linzern verlangt er kategorisch „Radikalität, Leidenschaft, Getriebenheit“. Die lokalen Künstler hat Heller gegen sich aufgebracht, weil kaum eine ihrer Projektideen seine Gnade fand, die Bevölkerung will er mit einem ultraambitionierten Programm aus der Alltagsgemütlichkeit reißen. Der 56-jährige Schweizer sieht sich nicht als Manager, schon gar nicht als Kulturmanager – die fühlten sich für ihr Tun ja nie verantwortlich. Nein, er beschreibt sich selber als Autor. Das Tagebuch zu „Linz 2009“ wird dank Heller mindestens ein Thriller. Oder eine Tragikomödie.

Dabei hat der streitbare Mann eigentlich genau die richtige Einstellung zu dem gerne als Tourismus- und Marketinginstrument missverstandenen Kulturhauptstadt-Titel, den in diesem Jahr außer Linz noch das litauische Vilnius trägt. „Es handelt sich nicht um einen Preis, den die Europäische Union vergibt“, erklärte er bei der Präsentation des Programms in Berlin, „sondern um ein Stipendium, das man privat mitfinanzieren muss. Dieses Stipendium hat Linz aus demselben Grund bekommen wie jeder Student auch: um etwas daraus zu machen.“ Nachhaltigkeit heißt das Stichwort seit 1990, als es dem heruntergekommenen, schlecht beleumundeten Glasgow gelang, das Kulturhauptstadt-Jahr für einen Image-Turnaround zu nutzen: Seitdem gilt die City im britischen Königreich als hip.

Genau das hat man in der 190 000-Einwohner-Stadt Linz auch vor. Bis 2015 will man zur aufregendsten Stadt Österreichs werden, in diesem Jahr bereits soll keiner mehr auf die Idee kommen, Linz reime sich auf Provinz. Darum haben die Stadtväter Martin Heller engagiert, darum halten sie seine Attitüde aus. Zehn Millionen Besucher konnte Heller als Kurator der Schweizer „Expo 02“ anlocken. Das soll er nun in Linz wiederholen, mit einem Etat von 65 Millionen Euro. Heller setzt auch hier auf Progressives in zeitgeistigem Gewand: Das Programmbuch zeigt bewusst nicht die schönen Seiten der barocken Altstadt, sondern die ranzigen Ecken und spießigen Winkel, die Malochergegenden und Bausünden der Gegenwart. Dabei gibt es in Linz fast keine Industriebrachen, die sich bespielen ließen. In der wirtschaftlich potentesten Stadt Österreichs wird überall gearbeitet. So suggeriert wenigstens in den Publikationen eine angestrengt wirkende Bildsprache jene anarchistische Urbanität, die den Avantgarde-Projekten entsprechen soll. Das seit drei Jahrzehnten existierende Ars Electronica Center am Donauufer wurde für 30 Millionen Euro aufgerüstet, als Denkfabrik, in der sich Kunst, Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft berühren. Philosophen werden „52 Wege, die Welt zu retten“ suchen, im Sommer veranstaltet man eine „Academy of the Impossible“.

Seinen Blick nach vorn konnte Martin Heller wagen, weil er schon vor dem offiziellen Beginn des Jubeljahrs das heißeste Eisen von Linz mutig angepackt hat: Die im vergangenen September gestartete Ausstellung zur „Kulturhauptstadt des Führers“ wurde mit viel Lob bedacht. 1899 war der zehnjährige Adolf Hitler mit seinen Eltern nach Linz gezogen, bei Spaziergängen auf dem Pöstlingberg entwickelte er mit seinem Jugendfreund August Kubizek ehrgeizige städtebauliche Visionen für seine Heimatstadt. Bis heute stehen die damaligen „Reichswerke Hermann Göring“, die unter dem Namen „Voest“ Eisen und Stahl produzieren, 11000 Wohnungen im Bezirk Unfahr, die sich bei ihren Bewohnern durchaus großer Beliebtheit erfreuen, sowie die Nibelungenbrücke über die Donau nebst zwei wuchtigen Brückenkopfgebäuden. In einem davon residiert die Kunstuniversität, in das andere sind jüngst die lokale Tourismuszentrale sowie das Team von „Linz 09“ eingezogen. „Eine Stadt kann schweben, wenn sie sich das zutraut“, lautet ein Motto. Na dann, guten Flug.

Infos: www.linz09.at

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