Literatur BETRIEB : Die großen Hypes

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Wenn morgen in den USA und Mitte September bei uns der neue Roman von Jonathan Franzen erscheint, könnte man angesichts des Hypes um „Freedom“ in Amerika von einem ersten Höhepunkt dieses Bücherherbsts sprechen. Vielleicht ist die Franzen-Veröffentlichung auch schon der ultimative Höhepunkt der Saison – denn neue Romane dieses Kalibers gibt es kaum noch, Romane, die für ähnliches Aufsehen sorgen, die gleichfalls von Großschriftstellern stammen. Vielleicht Claude Lanzmanns Erinnerungen „Der patagonische Hase“, die schon am 7. September erscheinen; vielleicht die neuen Romane von Thomas Pynchon und Bret Easton Ellis, die zeitgleich mit Franzen herauskommen und im Original bereits lange vorliegen. Die Frankfurter Buchmesse beginnt zwar erst Anfang Oktober, auch die Literaturnobelpreisvergabe steht an, der Bücherherbst aber ist dann vorbei.

Denn was gab es nicht alles schon für Höhepunkte? Wie viel unbedingt lesenswerte Bücher muss der Literaturliebhaber schon in seinem Schrank stehen haben: den neuen Grass über die Grimms, das Mutterbuch von Bachmannpreisträger Peter Wawerzinek, den Vaterroman von Thomas Hettche, das Vegetarismus-Manifest von Jonathan Safran Foer, den Ulla-Unseld-Berkéwicz-Roman von Norbert Gstrein, Daniel Kehlmanns „Lob der Literatur“, Ferdinand von Schirachs Verbrechen-Geschichten „Schuld“ undundund. Schlag auf Schlag ging es im August, und kein Wunder, dass es Gerüchte gab, ein Kollege hätte sich bei den Verlagen spaßeshalber nach den Frühjahrsbüchern 2011 erkundigt.

Tatsächlich fragt man sich, womit zum Beispiel die vielen schönen Literaturbeilagen für die Buchmesse gefüllt werden sollen? Das werden sie natürlich, keine Frage, Literatursensationen lassen sich ja auch „kreieren“, wie Louis van Gaal so schön sagt. Aber seit langem, seitdem die Verlage dazu übergegangen sind, ihre Veröffentlichungstermine auf das ganze Jahr zu legen, präsentieren die Literaturbeilagen nicht mehr das Beste vom Besten des Bücherherbsts. Die Bücher, die hier auf den vorderen Seiten besprochen werden, sind nicht mehr die ultimativen Höhepunkte einer Saisonproduktion, die Mussbücher. Inzwischen wird dort vor allem die Vielfalt der Verlagsproduktionen abgebildet, gibt es nicht mehr nur Rezensionen, sondern andere Formen der Literaturvermittlung, und das jeweilige Buchmessengastland kommt zu ausgiebigsten Ehren.

Die vielen Höhepunkte vorab, die Dringlichkeit, mit der sie vorgestellt werden, die Geschwindigkeit, mit der das nicht zuletzt in den vermeintlich „langsamen“ Printmedien geschieht, weisen zudem auf ein Problem hin, das vor allem der interessierte, wohlinformierte Leser hat. Denn der fragt sich beim Anblick der zahlreichen Titel, die sich lange vor der Buchmesse bei ihm stapeln: Wann soll ich das alles lesen? Denn er hat nicht nur die aktuellen Mussbücher zuhause, er hat auch Bolano und Foster Wallace aus dem letzten Herbst noch nicht gelesen und sich noch ein paar weitere Bücher aufgeschrieben und vorgemerkt. Nämliche solche, die er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis entdeckt hat oder auf der Shortlist für den Internationalen Buchpreis, der Ende September ein paar Tage vor dem Buchpreis vergeben wird. Zum Beispiel „Die Melodie der Luft“ des äthiopisch-stämmigen Schriftstellers Dinaw Mengestu (siehe Besprechung auf dieser Seite), dessen Erstling gleichfalls der Lektüre harrt. Unweigerlich beginnt dieser Leser, an das berühmte, ernüchternde Rechenexempel von Arno Schmidt zu denken, der sich „nicht dem lächerlichen Aberwitz der literarischen Handlanger und Buchstabenkneter“ aussetzen wollte und auf höchstens 5000 Bücher für ein Leseleben kam.

Und dann wird dieser Leser vielleicht misstrauisch. Dann denkt er mit Arno Schmidt an das Diktum der US-HipHop-Band Public Enemy, an „Don’t Believe The Hype“ – und er überlegt, dass er ja „Korrekturen“ gelesen hat und „Freedom“, die mutmaßlichen „Korrekturen II“, gar nicht braucht.

Nur: Kaum dass er im Buchladen steht, hat er alles wieder vergessen. Franzen, Mengestu, die Argentinier und mehr kommen in seinen Korb – und er ist guten Mutes, das alles in einer schönen, nicht fernen Zukunft lesen zu können. Wohl denn!

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