Literatur : Der Mensch, das öffentliche Tier

Sich mitteilen ist alles: Der Nietzsche-Spezialist Volker Gerhardt untersucht die soziale Verfasstheit des Bewusstseins. Wie in vielen anderen seiner Publikationen macht Gerhardt indes auch diesmal Kant zu seinem Gewährsmann.

Marianna Lieder
Kunstdiskussionen. Perikles in Athen. Holzstich von Hermann Göll (1876).
Kunstdiskussionen. Perikles in Athen. Holzstich von Hermann Göll (1876).Foto: picture alliance / akg-images

Die nächstliegende Kritik an seinem Buch „Öffentlichkeit“ nimmt Volker Gerhardt im Schlusskapitel vorweg. „Wer zu einem Buch greift, das sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts zur Öffentlichkeit äußert, wird erwarten, darin mehr über die neuen Medien, über die Vernetzung der Welt zu finden.“ Tatsächlich taucht das Internet, das Medium der öffentlichen Teilhabe schlechthin, auf den 550 vorangegangenen Seiten kaum auf. Der Begriff „Facebook“ fällt einmal, „Wikileaks“ wird an zwei Stellen beiläufig erwähnt. Auf „Occupy“ oder den „Arabischen Frühling“, die als realgeschichtliche Fortführung der „digitalen Revolution“ gehandelt werden, wird in einem Satz denkbar unspezifisch angespielt.

Nun zählt der an der Humboldt-Universität lehrende Kant- und Nietzsche-Spezialist Gerhardt keineswegs zu jenen Philosophen, die sich in elfenbeinerner Realitätsferne eingerichtet haben. Bis April 2012 war er Mitglied des Deutschen Ethikrats, und er äußert er sich regelmäßig zu heißen Themen, von Gentechnologie über Sterbehilfe bis zum Urheberrecht.

Nun allerdings geht es Gerhardt um Grundsätzliches. Den unermüdlichen philosophischen Versuchen, den Kern des Menschseins zu bestimmen – vom aristotelischen animal rationale bis zu Nietzsches „noch nicht festgestelltem Thier“ – wird hier die Formel vom homo publicus hinzugefügt. Das menschliche Bewusstsein ist demnach ursprünglich sozial verfasst, denn alles Sprechen und Denken könne nur unter der Voraussetzung seiner potenziellen Mitteilbarkeit, unter der Annahme einer außersubjektiven Welt stattfinden. Vernunftgebrauch kann niemals nur privat sein. Erst auf der Basis dieser im Einzelbewusstsein vorhandenen Anlage entstünden sämtliche gesellschaftliche Formationen und Strukturen, in denen Individuen sich miteinander arrangieren.

„Öffentlichkeit“ steht hier also nicht nur für Politik oder massenmedial vorangetriebene Meinungsbildung, sondern für das unauflösliche Ineinander des menschlichen Welt- und Selbstverhältnisses. Gerhardt stützt diese These durch umfangreiche systematische und ideengeschichtliche Untersuchungen, seine Betrachtungsweise wechselt von der Bewusstseins- zur Politiktheorie. Soziologische, technologische und anthropologische Aspekte bezieht er ein. An prägnanten Definitionen wird nicht gespart, als Ganzes bleibt die Untersuchung dennoch eigentümlich unpointiert. Konturen zeichnen sich stellenweise ab, wenn Gerhardt sich von den Positionen anderer abgrenzt oder sich explizit darauf stützt.

So wendet er sich als Philosoph unter anderem gegen die Vertreter einer sozialhistorisch inspirierten Perspektive, die die Entstehung der Öffentlichkeit an den Aufstieg des neuzeitlichen Bürgertums koppeln. Gerhardt sieht hier einen unvollständigen, aufs Politische beschränkten Begriff am Werk. Er hingegen versteht darunter die gesamtgesellschaftliche Sphäre, in der der Einzelne zu sich selbst kommt, und findet derlei exemplarisch bei den alten Griechen ausgebildet: Demnach stand in der Polis zu Zeiten des Perikles die „politische Öffentlichkeit bestenfalls im Zentrum einer kulturellen Verständigung“, die auf alle übrigen Lebenszusammenhänge ausstrahlte.

Wie in vielen anderen seiner Publikationen macht Gerhardt indes auch diesmal Kant zu seinem Gewährsmann: Der reiseunlustige Königsberger Weltbürger erklärte die Öffentlichkeit, damals noch unter dem Terminus „Publizität“, zur „transzendentalen“ Bedingung von Recht und Politik. Auch die Ethik musste sich für Kant öffentlich begründen lassen, ebenso wie die Wissenschaft und Kunst, denn jede Erkenntnis sei ein „Communicator-Machen“, jedes ästhetische Urteil beruhe auf einem Sensus communis.

Hinter diese Einsicht sei die Mehrheit der späteren Berufsdenker wieder zurückgefallen. Dies gilt für Hegel und Carl Schmitt ebenso wie für den Öffentlichkeitstheoretiker Jürgen Habermas. Den Tiefpunkt dieser Begriffsgeschichte bildet Heidegger, der in zivilisationsverachtendem Pathos öffentliche Ausdrucksformen als seinsfernes „Gerede“ und „Geschwätz“ diskreditierte. Es überrascht wenig, dass es die großen Kant-Leser Helmuth Plessner, Karl Jaspers und Hannah Arendt sind, bei denen Gerhardt die umfassende Bedeutung der Öffentlichkeit zumindest durchschimmern sieht.

Eine Sonderrolle unter den Philosophen des 20. Jahrhunderts wird dem Begründer des Kritischen Rationalismus, Karl Popper, zugeschrieben. Mit seiner Konzeption der „offenen Gesellschaft“ erklärte er die pluralistisch-liberale Öffentlichkeit zur Grundvoraussetzung für jede politische und soziale Ordnung. Für Gerhardt sind Poppers Ideen nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu globalen Leitprinzipien avanciert, der Name ihres Urhebers falle allerdings viel zu selten.

Popper sei, so die Vermutung, den herrschenden Theoretikern einfach nicht kompliziert genug gewesen. Sie misstrauten ihm, weil er „so knapp und treffend formulierte, dass jeder Interessierte“ ihn verstand. Dieses Ideal hätte Gerhardt selbst ein wenig konsequenter anstreben können – vor allem in den letzten drei Kapiteln, in denen er als philosophischer Systematiker an sein Thema herangeht. So macht seine bewusstseinstheoretische Untersuchung darüber, wie Individualität und Universalität im menschlichen Geist verzahnt sind, einen gewissen Grad an Abstraktheit notwendig.

Auch die Bilanz seiner Analyse der „politischen Leistungen“ von Öffentlichkeit verschwimmt im Begrifflich-Allgemeinen. Hintergründig blitzt hier erneut die Gegnerschaft zur Öffentlichkeitsskepsis der Frankfurter Schule auf. Nicht erst Habermas konstatierte jene dialektische Gesetzmäßigkeit, derzufolge die Öffentlichkeit einem desaströsen Strukturwandel geweiht ist, weil ihr ursprünglich aufklärerisches Potential sich im Zeitalter der Massenkultur in sein Gegenteil verkehrt. Für Gerhardt ist dies mürbe Kulturkritik, die nicht zwischen der Manipulation von Öffentlichkeit und der Öffentlichkeit selbst unterscheiden kann.

Sein Vertrauen in letztere ist mindestens ebenso groß wie die Welt und Bewusstsein umfassende Bedeutung, die er ihr zuschreibt. „Denn die Öffentlichkeit steht aus eigener Logik jedem Versuch entgegen, die Gesellschaft dem undurchschaubaren Zugriff der Macht auszuliefern.“ Den Wunsch, zu erklären, wie es – zu der in dieser Sicht offenbar „nicht-öffentlichen“ – Naziherrschaft kommen konnte, hat man an dieser späten Stelle der Arbeit aufgegeben. Was bleibt, ist der fast tragische Eindruck, dass Gerhardts Buch eben jener Öffentlichkeit, die es leidenschaftlich verteidigt, nur sehr eingeschränkt zugänglich ist.

Volker Gerhardt: Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins. C.H. Beck Verlag, München 2012. 584 Seiten,39,95 €.

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