Kultur : Literatur: Die Gemeinheit des Becherlings

Stephan Pabst

Unter den Quizsendungen im Fernsehen gibt es auch solche, in denen sich die Kandidaten ihre Themen selbst aussuchen können. Was für einer ist das wohl, denkt man dann manchmal, der alles von Roy Black gehört hat. Wie einsam muss man sein, um italienische Kochbücher auswendig zu lernen. Wie sieht das Leben von Menschen aus, die alles über Ally McBeal wissen. Mit aufgerissenen Augen glotzt man in diese heile Welt des Fetischismus. Zu diesen Zuschauern könnte Susanne Riedel gehört haben, die in ihrem zweiten Roman die Liebesgeschichte des einbeinigen Pilz- und Lyrikkenners Alakar Macody und der Fernsehmoderatorin Verna Albrecht erzählt. Beide Figuren sind Teil einer Welt der Fetische. Alakar ist als Sohn einer Psychoanalytikerin und eines Physikers von Kindheit an dem Konflikt zwischen Mythologisierung der menschlichen Natur und radikaler naturwissenschaftlicher Aufklärung ausgeliefert. Kein Wunder, dass er sich später in seiner Wald-Einsamkeit eine eigentümliche Phantasiewelt aus Pilzen und der Dichtung T. S. Eliots zusammenreimt. In seinem Kopf existieren die Pilznamen wie die Namen griechischer Götter, die ganze Welt drängt sich zusammen in dieser winzigen Kreuzung aus Naturkunde und Dichtung.

Verna Albrecht, deren lyrischer Fixstern nicht Eliot, sondern Anne Sexton ist, tritt so als Alakars Gegenstück auf. Auch ihre Einsamkeit befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium. Nachdem sich die beiden in Vernas Quizshow Brainonia kennengelernt haben, entspinnt sich die Geschichte einer mühsamen Annäherung. Die ist in Riedels Welt der Einsamen nicht ohne weiteres möglich. Alakars Bein-Prothese ist Programm dafür, dass Menschen sich in Dinge verwandeln und Körpergrenzen kaum noch zählen. Die Landschafts- und Blumenmetaphorik, in die Riedel ihre wunderlichen Helden einbettet, ist Symptom dieser Auflösung. Vernas weiblicher Fan, der sich anfangs nur eine Puppe seines Idols ins Schlafzimmer stellt, verwandelt sich in Vernas Doppelgängerin. Das Idol und die Fetischistin tauschen die Rollen. In der Medienöffentlichkeit, in der die Grenzen zwischen Zuschauer, Kandidat und Moderator durchlässig werden, verwandelt sich die menschliche Rede in ein subjektloses Rauschen. Das bisschen einsames Ich, das übrig bleibt, legt sich auf die Couch und lässt sich die Seele aus dem Leib psychoanalysieren, bis außer ein paar Sätzen von Eliot und Sexton und ein paar schönen Pilznamen nichts mehr übrig ist. Psychoanalytische Medienkritik ist das Schlagwort, auf das man Riedels Roman bringen könnte. Von Freuds Ersatzobjekten bis zu Lacans Spiegelstadium gehören die psychoanalytischen Theoreme des 20. Jahrhunderts zum Repertoire dieser Kritik. In der literarischen Umsetzung wirkt das leider häufig wie eine bloße Illustration der Theorie. Abgesehen davon bleibt die Frage offen, ob sich eben jene Psychoanalyse als kritisches Instrumentarium noch eignet oder nicht vielmehr Teil dessen ist, was Riedels Figuren um den Verstand bringt.

Susanne Riedel hat ein zutiefst romantisches Buch geschrieben. Kapitelüberschriften wie "Dein Mund ist eine blasse Blume, die man essen kann", sind dafür nur das äußerlichste Zeichen. Die Spannung zwischen der Prosa der Medienverhältnisse und einer lyrischen Gegenwelt, in der die Dichter noch einmal als Hüter letzter Wahrheiten auftreten dürfen, versucht sie zu synthetisieren. Sie sucht Eichendorffs Zauberwort "für das ganze splitternde Leben". Dabei spart Riedel von der nüchternen Sein-Schwanz-war-zu-kurz-Prosa bis zur surrealen Verklärung des Gewöhnlichen kaum einen Tonfall aus. Freilich ist dieser Romantik jeder Idealismus abhanden gekommen. Die Poesie ihrer Helden ist zur Ichkompensation, zum Ersatzgefühl geworden, die Entzauberung der Welt nur noch um den Preis der Psychopathologie rückgängig zu machen. Was die Lektüre dieser ohnehin auf vielen Umwegen erzählten Geschichte aber oft verdirbt, ist das Missverhältnis zwischen den in ihrem Schematismus oft anstrengend offensichtlichen Grundspannungen (Psychoanalyse/Physik, Poesie/Prosa, Mann-Eliot/Frau-Sexton) und dem sich darüber erhebenden poetischen Furor, dessen Hermetik auch den ehrgeizigsten Hermeneuten stellenweise zur Verzweiflung bringen kann. Riedels Roman läuft schließlich Gefahr, selbst einer Form des Fetischismus aufzusitzen - dem der schönen Wörter. Aber zugegeben: Die konkrete Poesie von Pilznamen wie Gemeiner Orange-Becherling hat noch niemand so ausgekostet wie Susanne Riedel.

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