Literatur : Heinrich Böll: Zornig bis zuletzt

Es ist von einer Großtat zu berichten: Nach neun Jahren – drei Bände pro Jahr – wurde dieser Tage die 27-bändige textkritisch durchgesehene und kommentierte Ausgabe der Werke Heinrich Bölls abgeschlossen.

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Die Werkausgabe ist das größte Projekt, das der Kölner Kiepenheuer-&-Witsch-Verlag jemals verwirklicht hat, in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung und mit 700.000 Mark Förderung durch den Bund, die von der Regierung Schröder beschlossen wurde. Dass ein Publikumsverlag einem seiner Autoren solch eine umfangreiche Ausgabe widmet (Verleger Helge Malchow: „Es gibt nicht nur die Bücher der Saison.“) und dass dieses Unterfangen sogar pünktlich vollendet wurde, ist so ungewöhnlich, dass das Werk in einem Festakt in der Heinrich-Böll-Stiftung mit allerlei Dank-, Glückwunsch- und Böll-Erinnerungsreden bedacht wurde (B. ist „paradigmatisch für politische Literatur“ gewesen, B. gehört „zum nationalen literarischen Erbe Deutschlands“). Es gesellte sich aber zur zeremoniellen Feierlichkeit eine seltsame, an den Krawattenknoten zerrende Beklommenheit. Die Sorge oder Befürchtung nämlich, dass man mit der prächtigen Gesamtausgabe einen Autor ein zweites Mal als Klassiker beerdigt, der uns ohnehin nicht mehr viel zu sagen hat. Über allen Reden hing drohend das Urteil des Autors Burkhard Müller, der zum 25. Todestag Bölls befunden hatte, Böll sei mausetot, seine Romane taugten nichts.

Spricht für diese Bedeutungslosigkeit nicht auch, dass Böll nun von Kulturstaatsminister Bernd Neumann gelobt wird, der ironisch einräumt, zu Bölls Lebzeiten, als junger CDU-Politiker, hätte ihm eine Böll-Laudatio reichlich fern gelegen? Bleibt von Böll nicht viel mehr als sein Engagement für die Einrichtung der Künstlersozialkasse (vor deren Existenz das gesamte deutsche Künstler- und Freiautorentum dankbar auf die Knie geht!). Nein, Böll war ein guter Autor – das nachzuweisen, hat sich Ulrich Greiner zur Aufgabe gemacht: Er zeigt, wie Böll in „Ansichten eines Clowns“ die „ambivalenten Möglichkeiten der Konvention meisterhaft ausschöpft“, stellt Bölls „Wahrheitsanspruch“, seine „poetische Fantasie“ heraus und verteidigt ihn gegen die Abstempelung als simplen Realist. „Böll allerdings war zornig bis zuletzt“ - und eben nicht ironisch „wie wir“. Von einer „wertkonservativen“ Jugend werde Böll übrigens durchaus wieder gelesen und geschätzt. Böll, ein Autor der Wertkonservativen? Das ist eine wahrlich überraschende Pointe.

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