Literatur : Mein Brieffreund und ich

Der Schriftsteller Michael Buselmeier gratuliert seinem Kollegen und Freund Günter Herburger zum 80. Geburtstag.

Michael Buselmeier
Unverkennbar einem Waldkauz gleich. Günter Herburger. Foto: C. Hess/A1
Unverkennbar einem Waldkauz gleich. Günter Herburger. Foto: C. Hess/A1

Unsere Korrespondenz währt nun genau 20 Jahre und ergibt einen prallen Leitz-Ordner voller Poesie und Einfallskraft, einen spannungsreichen Roman, unverstellt, intensiv und bildstark. Günter Herburger hat ihn im März 1992 nach einer gemeinsamen Lesung im Stuttgarter Rathaus begonnen. Seither schicken wir uns auf steinalten Schreibmaschinen oder mit der Hand verfasste Botschaften, Reiseberichte, Gedichte zum Um- und Weiterschreiben, mal witzig, mal boshaft kommentierte Zeitungsausschnitte, Zettel, Fotos, Buchprojekte, Postkarten. Herburgers originelle Briefe sind Teil seines umfangreichen Werks (und nicht der geringste). Ich habe nie einen so inspirierenden Schreiber von Episteln getroffen. Gerade die Briefform kommt seiner Sprunghaftigkeit, seinem Mutwillen, seiner Neigung zur Abschweifung entgegen.

Er kann einen auch einschüchtern. Denn man darf es nicht wagen, ihm gekünstelt zu antworten oder mit dem üblichen Klatsch aus dem Literaturbetrieb, denn er verabscheut den „kulturellen Wortschwall“. Mit ihm Briefe zu wechseln bedeutet, die Herausforderung der Literatur anzunehmen und mit radikalen Geschichten zu antworten, im Losschreiben die eigenen Grenzen überschreitend.

So habe ich von Günter Herburger eine Menge gelernt. Er hat mich erzogen, meinen Einfällen zu vertrauen, freiweg zu erzählen, dabei mutig zu erfinden und den Betrieb zu verachten, all die politisch korrekten, schwarz gewandeten Dichter und die verschwitzten Kritiker. Wir haben schließlich beide indianisches Blut in den Adern. Sind karge, manchmal auch schroffe Randfiguren, hartgesottene Fußgänger und Langstreckenläufer, Trapper auf dem Kriegspfad; so etwas wie die letzten Mohikaner.

Mythische Vogelgestalten begleiten Herburgers Werk von Beginn an. Der Wiedehopf etwa, der orientalische Liebesvogel, zählt zu seinen Totemtieren; im jüngsten Gedichtband „Ein Loch in der Landschaft“ sind es der Pelikan und der Hausspatz. Auch der Dichter selbst sieht unverkennbar einem Waldkauz gleich. Zu den vielen seltsam menschenähnlichen Tieren passt die märchenhafte, oft grelle und assoziativ ausgreifende Erzählweise in der Prosa wie in der Lyrik.

Herburgers fabelhafte Kinderbücher, in deren Mittelpunkt eine Glühbirne steht, kannte in den 70er Jahren jeder fortschrittlich Gesinnte, zumindest die Mut machenden Titel: „Birne kann alles“ und „Birne kann noch mehr“. In jenen Jahren begann Herburger auch sein erst 1991 beendetes episches Großwerk, die utopische Thuja-Trilogie über Gegenwart und mögliche Zukunft der Bundesrepublik und der DDR, bestehend aus fünf Teilen mit über 2000 Seiten, zu deren Hauptfiguren zwei behinderte Kinder zählen.

Lange Zeit war Herburger ein mit Begeisterung sich schindender Marathonläufer, ja er hat überall, wo es verlockend aussah – im Gebirge, in Schnee und Eis, im Staub der Wüste oder der Großstadt – an Extremläufen über 100 und mehr Kilometer teilgenommen, in der Hoffnung, am Ende dieser Fluchtbewegung zu sich selbst zu finden. Ergebnisse dieser Verausgabung sind die drei grandiosen Laufbücher „Lauf und Wahn“ (1988), „Traum und Bahn“ (1994) und „Schlaf und Strecke“ (2004). Doch während sich die epischen Großformen leicht in bizarren Abschweifungen verlieren, gelingen Herburger in seinen fotografischen Mikro-Romanen oder Text-Bild-Bänden „Das Glück“ (1994), „Die Liebe“ (1996) und „Der Tod“ (2006) Momentaufnahmen von hoher Konzentration. Sie alle hat der Münchner A1 Verlag veröffentlicht, wo gerade auch „kleine wilde Romane“ unter dem Titel „Haitata“ erschienen sind.

Wir sind noch immer Freunde oder besser Brieffreunde. Manchmal denke ich, ich bin sein einziger Brieffreund, er braucht mich – jemanden, dem er seine skurrilen Einfälle und exzentrischen Märchen mitteilen und dem er sein Leid klagen kann, den schöpferischen Übermut, die Lust am Utopischen und die Angst, in der Schwärze der Depression zu versinken. Aber eine gewisse Distanz scheint mir nötig. Wenn wir uns treffen, was selten vorkommt, fremdeln wir, besonders ich, ein wenig. Vielleicht fürchte ich die Härte seiner Kritik und weiche schon vorher zurück. Ich habe auch eine gewisse Scheu vor dem Unbekannten in ihm und seiner dunklen, am Freitag nun 80-jährigen Vogelgeschichte. Doch wenn er eine Arbeit von mir lobt („es ist Hass und Selbstvernichtung darin und zugleich Zukunft“), bedeutet mir das mehr als die positivste Besprechung, denn er lügt nicht.

Der Autor, 1938 in Berlin geboren, lebt als Schriftsteller in Heidelberg. Zuletzt veröffentlichte er im Wunderhorn Verlag den Roman „Wunsiedel“, der auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2011 stand.

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