Literatur : Neoliberales Labor

Island leidet auch unter einer geistigen Krise. Der Schriftsteller Einar Már Gudmundsson erzählt die Geschichte von Islands Bankrott.

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Als in Island noch alles gut war, in der Mitte der nuller Jahre, und isländische Hausfrauen geschäftig mit ihren Jeeps durch Reykjavíks Straßen brausten oder isländische Milliardäre ihre runden Geburtstage mit Popstars wie Elton John und 50 Cent feierten, da interessierte sich auch der Schriftsteller Einar Már Gudmundsson nicht dafür, wie das isländische Wirtschaftswunder eigentlich zustande gekommen war. Von einem Leitzins oder dem Bruttosozialprodukt hatte der durch Romane wie „Engel des Universums“ und „Fußspuren am Himmel“ auch international bekannte Schriftsteller schon was gehört, ohne aber genau zu verstehen, um was es sich dabei handelte.

Das änderte sich schlagartig, als Islands damaliger Premier Geir Haarde am 6. Oktober 2008 eine Fernsehansprache hielt und das Ende des Wirtschaftswunders verkündete; Island konnte seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen und stand vor dem Staatsbankrott. Haarde schloss seine Rede mit „Gott segne Island“. Ideen, wie es weitergehen könnte, hatte er nicht. Gudmundsson dagegen arbeitete sich in die Materie ein, um die Geschichte von Islands Ruin zu verstehen.

„Wie man ein Land in den Abgrund führt“ ist das Resultat dieser Beschäftigung mit der für ihn fremden Materie, eine von der ersten Seite an zornige, kompromisslose Abrechnung mit Islands Politikern und Bankern. „Daher erschüttert heute nicht nur eine Finanzkrise die Haushalte unseres Landes und alle tragenden Säulen der Gesellschaft, sondern zugleich auch eine tiefe geistige Krise, die es erschwert, der Finanzkrise zu begegnen“, weiß Einar Már Gudmundsson und nimmt sich die Freiheit, keine Chronologie der Ereignisse zu liefern, sondern in medias res zu gehen. Er spricht von der „Trickkiste“, die sich die isländischen Kapitalisten bastelten, davon, dass die Privatisierung der Banken und „der absolute Mangel an Regeln zu deren Geschäftspraxis“ die Basis einer unvorstellbaren Korruption bildeten. Und er begegnet der geistigen Krise, in dem er „die Philosophie der Lüge“ darstellt, mit Begriffen wie „Wahrheit“, „Freiheit“ und „Gleichheit“ argumentiert und idealistische Ziele einklagt: „Ihr könnt uns die Wohnungen und die Arbeit nehmen und sogar die Polizei auf uns hetzen, aber ihr könnt uns nicht unsere Träume nehmen, die Ziele oder den Kampf. Wir wollen unabhängige Bürger in einem unabhängigen Land sein. Ihr müsst einfach zuhören. Sonst entvölkert sich das Land.“

Ein Glossar oder eine erklärende Chronologie vom ökonomischen Aufstieg und Fall Islands hätte diesem Buch allerdings gutgetan. So muss man wissen, dass die Isländer sich einige Wochen nach Haardes Rede auf die Straße gingen und den Rücktritt von Haarde und seiner Außenministerin erzwangen, in Islands Geschichtsbücher schon jetzt als „Kochtopfrevolution“ eingegangen. Oder dass das Quotensystem in der Fischerei eine wichtige Rolle für Islands Wirtschaft spielt – damit verkaufen die Isländer Fisch, den sie noch gar nicht gefangen haben. Oder was es mit den „Icesave-Konten“ auf sich hat – mit diesen Online-Konten versprachen isländische Banken britischen und niederländischen Anlegern hohe Zinsen und brachten sie um ihre Ersparnisse. Nicht zuletzt diese Konten sind der Grund dafür, dass noch Generationen von Isländern eine Schuldenlast abzutragen haben, die das Zwölffache des Bruttosozialprodukts ihres Landes ausmacht.

Die Wut Gudmundssons, die Wucht seiner Anklage erschließt sich aus solchen Zahlen – und daraus, dass sich in Island Politik, Wirtschaft und Medien gegenseitig zuarbeiteten und der Gesetzgeber und Kontrollgremien wie Wirtschaftsrat und Zentralbank auf ganzer Linie versagten. Immer wieder formuliert Einar Már Gudmundsson fast schon verzweifelt, wer die Rechnung zu begleichen hat, nämlich der isländische Bürger, nicht die Reichen und Superreichen. Und er warnt in bester antikapitalistischer Manier vor dem Wirken des Internationalen Währungsfonds in Island: „Unsere Kinder und Enkel werden unter der Bürde der internationalen Gemeinschaft zusammenbrechen, die kein anderes Ziel hat, als die Welt in ihren ungerechten Fesseln zu belassen. Mit all ihrer ungleichen Verteilung, all ihren Umweltkatastrophen. Will denn niemand einhalten und fragen: Ist es das wert?“

Gudmundsson nennt Island eine „Versuchsküche“, ein „neoliberales Labor“. Tatsächlich hat sich die Krise nicht einfach aus dem Staub gemacht, wie man das kurzzeitig dachte, sondern mit Griechenland ein weiteres Land an den Abgrund geführt, mit unabsehbaren Folgen für Europa und sein Währungssystem. Die Gründe mögen unterschiedlich sein – die Rezepte, die Krise zu beheben, ähneln sich: Steuergelder in die Wirtschaft pumpen, den Internationalen Währungsfonds machen lassen etc. Einar Már Gudmundsson schließt mit der Hoffung auf den Aufbau eines neues Wirtschaftssystem in Island, „basierend auf dem verfassungsmäßigen Recht zur Nutzung der Naturressourcen und der Fischfanggenehmigungen“.

Das klingt utopisch. Vermutlich würde der Schriftsteller sich schon mit mehr demokratischer Kontrolle der freien Marktwirtschaft zufriedengeben, an der gerade allenthalben gearbeitet wird. Zumindest muss man kein weltfremder Prophet, um nach der Lektüre dieses Buches sagen zu können: Fortsetzung folgt.

Einar Már Gudmundsson: Wie man ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin. Übersetzt von Gudrun M.H. Kloes. Hanser, München 2010. 206 S., 16, 90€.

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