Kultur : Literatur-Schwindel: Dienstbare Geister

Jennifer Wilton

In Spanien erregt dieser Tage ein Plagiatskandal die Gemüter. Ana Rosa Quintana, Moderatorin einer beliebten Sendung im Privatfernsehen, hat für ihr literarisches Debüt "Sabor a hiel" ("Bitterer Geschmack") mit über 100 000 verkauften Exemplaren Anleihen aus dem Roman "Familienalbum" der US-Bestsellerautorin Danielle Steel genommen. Ihre mangelhaften Computerkenntnisse, so die Autorin, hätten dazu geführt, dass sie versehentlich fremde Passagen Federn eingefügt habe, die sich auf ihrer Festplatte befanden. Erstaunlicherweise hatte der "magische" Computer allerdings die Namen der Protagonisten ausgetauscht.

Aber dann entdeckten findige Literaturspezialisten, dass es weitere wörtliche Übereinstimmungen mit einem Roman der Mexikanerin Angeles Mastretta gibt. Der Planeta-Verlag, der zunächste eine veränderte Neuauflage ankündigt hatte, ließ den Roman aus den Läden zurückziehen, und die Reaktionen schwankten zwischen Schadenfreude, Belustigung, und vereinzelten Solidaritätsbekundungen. Manche Kommentatoren verweisen auf prominente Beispiele in der Kunst des Abschreibens und üben harsche Kritik an den Verlagen, die ihre Autoren derart unter Zeit- und Erfolgsdruck setzen, dass diese zu weniger legitimen Mitteln greifen müssen.

Die Vermarktung von Literatur hat in den letzten Jahren in Spanien groteske Formen angenommen. Zwischen Rankings, Preisen und Hochglanzfotos scheinen die Bücher nicht selten hinter ihren Verfassern zurückzutreten. Ein bekanntes Gesicht garantiert höhere Verkaufszahlen; die Frage, ob jemand schreiben kann, erübrigt sich fast. Die Praxis, einen "negro", das heißt: Ghostwriter, einzustellen, ist längst nicht mehr ungewöhnlich. Ehemalige "Negros" brachen eine Lanze für ihre im Schatten stehende Tätigkeit und räumten ein, es komme aus Zeitdruck gelegentlich vor, dass einem Auftraggeber fremde Texte untergeschoben würden. Ein Kritiker fragte schließlich, welche Vorstellung von Literatur hinter all dem eigentlich noch stehe. Denn der Fall Quintana legt den Verdacht nahe, dass die Entstehung von Literatur nicht mehr viel mit Kreativität zu tun hat, um so mehr mit dem Ordnen von "Material". Seien die dienstbaren Geister nun Computer oder überforderte "Negros".

Letzte Meldung im Fall Quintana: Die Autorin hat noch ein drittes Buch kopiert. Aber auch daran ist nur ihr "Mitarbeiter" schuld. Dass es einen solchen gab, konnte man dieser Tage sogar von der Moderatorin selbst erfahren. Ihre Einschaltquoten steigen übrigens unaufhörlich.

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