Literatur : Thomas Raab: Marille und Besen

Ein Restaurator schlittert zufällig in seine Fälle: Der Wiener Kriminalschriftsteller Thomas Raab und seine Metzger-Romane.

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Hier sagen sich Metzger und Pospischill gute Nacht. Die Blutgasse in Wien.
Hier sagen sich Metzger und Pospischill gute Nacht. Die Blutgasse in Wien.Foto: IMAGO

So wie Thomas Raab da auf einmal in der Lobby des Kaiserin Elisabeth Hotels in Wien steht - ein bisschen aus der Puste, etwas irritiert wirkend -, weiß man gar nicht, ob er sich nun unbändig freut oder sich hinter seiner Miene ein gewisser Missmut verbirgt. Denn Raab ist an diesem milden Herbstnachmittag auf der Kärtnerstraße seinem Schriftsteller-Kollegen Wolf Haas über den Weg gelaufen, jenem Haas, der mit seinen Brenner-Kriminalromanen Kultstatus weit über seine Heimatstadt Wien hinaus erlangt hat. „Wir haben uns lange angeschaut und tatsächlich gegrüßt. Als ich mich noch einmal umgedreht habe, hat auch er zurückgeschaut und sich vermutlich gefragt, wo er mich hinstecken soll“, berichtet Raab.

Vielleicht ist es Haas gar ziemlich schnell eingefallen, wohin er den schlanken, groß gewachsenen, kernig-jugendlich aussehenden 40-Jährigen mit den schwarzen Haaren stecken soll, den er da beim Einkaufsbummel getroffen hat: Auch Thomas Raab ist Krimischriftsteller und wohnt in Wien, auch Raab ist mit seinen Romanen über den Restaurator und Zufallskommissar Willibald Adrian Metzger auf gutem Weg, ein Kultautor zu werden – nicht zuletzt weil die Figuren der Metzger-Romane, ihr Wohl, Wehe und Werdegang, ihre Ansichten zu Leben, Tod und Gesellschaft genauso viel Raum einnehmen wie die Suche nach den Tätern und die Aufklärung der Fälle.

2007 kam in dem kleinen österreichischen Leykam Verlag Thomas Raabs Debüt „Der Metzger muss nachsitzen“ heraus, von Raab seinerzeit mehr aus Spaß und abends nach seiner Tätigkeit als Lehrer an einem Wiener Gymnasium geschrieben. Der Roman wurde sofort für den österreichischen Literaturpreis und den Glaser Krimi Preis nominiert. Daraufhin erschienen in schneller Folge weitere Metzger-Romane, jüngst der vierte, „Der Metzger holt den Teufel“, für den sich wie schon für den Vorgänger „Der Metzger geht fremd“ der in München ansässige Piper Verlag die Rechte gesichert hat, um mit Raab nicht nur in Österreich Geld zu verdienen, sondern ihn nach Vorbild eines Wolf Haas gleichfalls auf dem deutschen Markt durchzusetzen.

Wie erfolgreich Raab in Österreich ist, spürt man bei der Premiere des neuen Metzger-Bandes. Dicht an dicht steht und sitzt das Publikum in Wiens größter Filiale der Buchhandelskette Thalia in der Mariahilfstraße, fast zweihundert Menschen. Viele von ihnen stehen danach geduldig in zwei langen Schlangen, damit Thomas Raab ihnen einen Metzger-Titel signiert. Er selbst ist halbwegs zufrieden mit seinem Auftritt, bei dem er einige Anlaufschwierigkeiten hat mit sehr einstudiert wirkenden, mäßigen Witzen zu Beginn. Raab aber wird sicherer, wobei auffällt, dass diese Buchpremiere tatsächlich mehr einem kabarettistischen Nummernprogramm als einer handelsüblichen Lesung gleicht. Dazu gehört zum Beispiel ein Marillenmarmelade-Gewinnspiel, schließlich beginnt der neue Metzger-Roman mit einem Geheimtipp für die ideale Marillenmarmelade-Rezeptur: „Maximal ein Kilo Zucker auf drei Kilo Steinobst, so lautet der Geheimtipp, um die Marmelade ähnlich perfekt hinzubekommen wie ihre Oma.“ Raab hangelt sich von Szene zu Szene, ohne allzu viel von dem neuen Mordfall preiszugeben. In diesen schlittert Metzger wieder einmal eher zufällig hinein, und zusammen mit seinem Freund, dem Polizeikommissar Eduard Pospischill, führt ihn der neue Fall in das Milieu von Orchestermusikern und adeligen Kreisen.

Eine Lesung gewissermaßen am Fall vorbei zu bestreiten, fällt Raab leicht, da seine Metzger-Romane mit viel Milieuschilderungen angereichert sind und die Binnen-Beziehungen seines Stammpersonals stets eine wichtige Rolle spielen: Die von Metzger zu seiner Freundin Danjela Djurkovic oder zu Postpischill, der in „Der Metzger holt den Teufel“ von seiner Frau rausgeschmissen wird und bei Metzger Unterschlupf findet. Dann ist da noch Metzgers Hausmeister, Peter Wollnar, „ein vom Leben geprügelter Mann“, der sich zwei Metzger-Bände lang mit Danjela Durkovics bester Freundin Zusanne Vymetal zusammentut, sich aber von ihr trennt, als sie sich „im Lauf der Zeit immer weniger als heißer Feger denn als großer Besen herausstellte“. Oder Sophie Widhalm, Metzgers plötzlich auftauchende Halbschwester, Pospischills Frau Trixi oder die sich im neuen Roman mehr und mehr in den Vordergrund schiebende junge Polizistin Irene Moritz.

Man spürt bei der Metzger-Lektüre wie viel Spaß es Raab bereitet, diesen Beziehungsreigen aufzuführen, wie viel ihm daran liegt, die Figuren mit Leben auszustatten. Wer Krimis gerade der Figuren wegen liebt, ihren Eigenheiten und in diesem speziell österreichischen Fall Verschrobenheiten, kommt bei Raab auf seine Kosten. Liebhaber von harten, schnellen, direkten Krimis dürften eher nervös werden. Der liebevolle Umgang Raabs mit seinem Personal sorgt nicht gerade für Tempo, sondern, sagen wir: typisch wienerische Gemütlichkeit. Dabei sind die Metzger-Romane nur in einer nicht näher benannten österreichischen Großstadt angesiedelt, man darf annehmen Wien. Für das Lokalkolorit aber sorgen die Figuren und ihre Macken, für zusätzlichen Lesegewinn Raabs manchmal etwas gewunden anmutende, stets eine heitere Ironie verbreitende Sprache.

Thomas Raab wiederum würde mit seinem Aussehen und seiner stets wachen Intelligenz keine gute Figur in einem seiner Romane abgeben. Er macht zunächst eher den Eindruck eines entspannten, urbanen Weltbürgers. Erst nach einem längeren Gespräch mit ihm bemerkt man, dass auch er, wie es sich für einen Wiener gehört, ziemlich herumschmähen kann. Da lästert er über das Konkurrenzgehabe der Buchhandelsketten und der Verlagswelt in Österreich; da gesteht er, wie schwer es ist, sich als Autor nicht von den Verlagen über den Tisch ziehen zu lassen. Und da berichtet er von den für ihn eher schwierigen Jahren als Lehrer, in denen er das Lehrerzimmer als Aufenthaltsraum lieber mied. Seine Kollegen bedachten ihn mit hinterhältigen Kommentaren und hatten kein Verständnis dafür, dass er sich zunächst wegen seiner neugeborenen Tochter und später seiner Karriere als Schriftsteller für mehrere Jahre vom Schuldienst freistellen ließ.

Solche Sachen erzählt Raab in völlig entspannter Atmosphäre in heimischer Umgebung in einem Vorort von Wien, wo er mit Frau und dem inzwischen dreijährigen Töchterchen in einer ehemaligen Schrebergartensiedlung wohnt. Er serviert Trzesniewskis (Werbeslogan: „Die unaussprechlich guten Brötchen“), eine Wiener Spezialität, Kaffee und Kuchen und zeigt ohne Scheu sein Arbeitszimmer. Einen fertigen Plan für seine Krimis habe er nie im Kopf, erklärt er, eine Szene ergebe sich aus der nächsten: „Das würde mich enorm unter Druck setzen und mir keinen Spaß machen, wenn ich einen Roman von vornherein durchkonstruieren würde.“ Deshalb weigert er sich auch, die Fans von Regionalkrimis zu bedienen und gezielt Wien-Romane zu schreiben, „so bin ich freier, so kann ich mich in meinen Fiktionen besser entfalten.“ Trotzdem lässt sich sein zweiter Metzger-Roman „Der Metzger sieht rot“ auch als Kommentar zum alltäglichen Rassismus in Österreich lesen. Und trotzdem hört er jetzt über seinen neuen Roman, da in diesem zunächst vor allem die wenigen weiblichen Mitglieder eines Orchesters umgebracht werden, dieser würde auf die Männerdominanz der Wiener Philharmonie und ihre undurchschaubaren Besetzungsmodalitäten anspielen: „Das ist hier in Wien seit Jahren ein großes Thema.“ Dass ihm vielmehr an seinen Figuren liegt, spürt man, als er noch einmal auf eine von ihnen zu sprechen kommt, den Kommissar Eduard Pospischill: „Als mir klar wurde, dass er Platz machen musste für eine andere Figur, dass er sterben muss, hat mir das richtig wehgetan."

Man glaubt Raab das sofort, so schmerzverzerrt schaut er bei dem Satz drein, so ruhig und schweigsam wird er auf einmal, in Gedenken an seinen Postpischill. Nur gut, dass Willibald Adrian Metzger weiterhin wohlauf ist. Raab hat mit ihm noch viel vor. Seinem Kollegen Wolf Haas will er in Zukunft öfter auf Augenhöhe begegnen.

Thomas Raab:

Der Metzger holt den Teufel. Roman. Piper Verlag, München 2010. 352 Seiten, 18, 95€.

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