Literatur : Verdammt nah dran: Jonathan Littells „Notizen aus Homs“

Zwei Wochen in der syrischen Kriegszone: Der französische Autor Jonathan Littells hat eine Reportage aus Homs geschrieben, wo er sich im Januar diesen Jahres inoffiziell aufhielt. Sein Buch sei "ein Dokument, kein literarisches Werk", so Littell.

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Furor der Zerstörung. Ansicht eines Straßenzugs Anfang Mai im Quartier Baba Amr in Homs mit syrischer Flagge. Das Bild entstand während einer von der Regierung geführten offiziellen Tour durch die einstmalige Hochburg der Widerständler.
Furor der Zerstörung. Ansicht eines Straßenzugs Anfang Mai im Quartier Baba Amr in Homs mit syrischer Flagge. Das Bild entstand...Foto: AFP

Ende letzten Jahres hatte Jonathan Littell die Idee zu einer Syrien-Reportage, nach der Rückkehr einer Freundin aus Homs, die dort einen Dokumentarfilm gedreht hatte. Littell fragte die Redaktion der französischen Zeitung „Le Monde“, ob Interesse bestünde, und bekam grünes Licht. Und dazu die Empfehlung, sich die Unterstützung eines Fotografen zu sichern, der vorher schon in Syrien war, Arabisch spricht und über ausgezeichnete Kontakte verfügt.

Kennt man Littell hierzulande vor allem als Autor des umstrittenen, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Romans „Die Wohlgesinnten“, der aus der Perspektive des fiktiven SS-Offiziers Maximilian Aue von den Verbrechen des Nationalsozialismus erzählt, so hat sich der 44-Jährige in Frankreich auch als Kriegsreporter einen Namen gemacht. 2008 berichtete Littell für „Le Monde“ kurz nach dem russisch-georgischen Konflikt aus Georgien und schrieb ein „Georgisches Reisetagebuch“. Als Mitarbeiter der NGO „Action Contre la Faim“ war er außerdem in Bosnien, Afghanistan, dem Kongo und insbesondere Tschetschenien, das er mehrmals besuchte, auch zu Recherchezwecken für „Die Wohlgesinnten“ und für den Essay „Tschetschenien im Jahr III“ .

Nun also Syrien. Dort erheben sich im Zuge der Arabellion seit Februar 2011 immer mehr Menschen gegen das Assad-Regime. „Notizen aus Homs“ heißt Littells Reportage, „ein Dokument, kein literarisches Werk“, wie er gleich glaubt, vorwegschicken zu müssen. Es soll „die – treuestmögliche – Transskription zweier Notizhefte“ sein, die er während eines zweiwöchigen Aufenthalts vollgeschrieben hat.

Am 17. Januar wird Littell mit seinem Begleiter Mani, dem Fotografen, über die libanesisch-syrische Grenze geschleust, zunächst nach Qusair, einer Stadt mit 70 000 Einwohnern. Zwei Tage später landen sie in Homs, der Hochburg der Aufständischen, der Freien Syrischen Armee (FSA). Hier ist vor allem Baba Amr ihre Basis, ein großes, von der FSA kontrolliertes Viertel im Südwesten der Stadt.

Noch in Qusair erzählt Littells erster Gastgeber, ein Sunnit, der sich von den Alawiten diskriminiert fühlt: „Wir leben seit langer Zeit in der Unterdrückung. (...) Es gibt keine Justiz, man kann nichts einklagen. Die verhafteten Personen verschwinden, man kommt nicht zu ihnen, man hört nie wieder was von ihnen.“ Und Littell ergänzt: „Anfangs wollten sie nur Reformen, mehr Freiheit. Dann verschärfte es sich wegen der Repression.“

Von Anfang an ist klar, auf welcher Seite dieser Reporter steht, wem seine Sympathien gehören. Das ist nicht zuletzt den Umständen seiner inoffiziellen Einreise geschuldet, der Tatsache, dass er von Aufständischen beherbergt und herumgeführt wird. Littell versucht gar nicht erst, den Konflikt von mehreren Seiten zu betrachten, neutral, wie ein UNBeobachter etwa, auf Distanz zu gehen, um besser beobachten zu können. Hin und wieder streut er kursiv gesetzte Bemerkungen ein, die einen gewissen Abstand herstellen; auch Fußnoten gibt es, die aber vor allem Waffentypen oder die militärische Struktur der Aufständischen und des Sicherheitsapparats der Regierung erklären.

Vor allem jedoch ist Littell ganz nah dran. Wie ein Fotograf hält er immer voll drauf. Er redet mit zahllosen Männern, vor allem Kämpfern, aber auch vielen Ärzten, wobei er bei den Gesprächen meist auf seinen Begleiter Mani angewiesen ist. Er besucht sogenannte Untergrundkrankenhäuser, ihm werden Verletzte und Tote gezeigt und Geschichten von Folterungen erzählt. Er verfolgt Beerdigungen, Totenpredigten, Gebetsstunden und Demonstrationen, deren Intensität ihn beeindruckt.

Das Tempo dieser Notizen ist hoch, es entspricht den vielen Ortswechseln Littells, den vielen schrecklichen Ereignissen, deren Zeuge er wird, die ihm im Nachhinein erläutert oder deren Folgen ihm präsentiert werden. Die Entschlossenheit der Aufständischen, das Leid der Zivilbevölkerung in Homs – all das teilt sich bei dieser Vorgehensweise des rein Dokumentarischen mit. Selbst wenn Littell es nicht lassen kann, immer mal wieder eigene Träume zu notieren, gute Mahlzeiten zu erwähnen oder gar einmal sein Wohlbefinden zum Ausdruck zu bringen, weil er „in einer Bude voller Kämpfer oder Kalaschnikows“ schläft. Das ist Männer- und Kriegsromantik, die einem Dokumentaristen nicht gut ansteht.

Ohnehin stellt sich die Frage, warum sich jemand freiwillig an so einen Schauplatz begibt, warum er sich freiwillig immer wieder neue Verletzte, Verstümmelte und Tote zeigen lässt. Ein anderer Nachteil von Littells Vorgehensweise ist der einer gewissen Verworrenheit, beginnend schon bei der komplizierten Fahrt über die Grenze. Namen über Namen, die man eine Seite später vergessen hat, wechselnde Wohnungen, Häuser, Krankenhäuser und Checkpoints, immer wieder Scharfschützen. Es ist schwer, sich bei der Lektüre einen Überblick über die Lage in Homs und vor allem in Syrien zu verschaffen. (Und das, obwohl Littell sich immerhin zwei Wochen dort aufhielt und der Konflikt gerade in Homs erst kurz nach seiner Abreise außer Kontrolle geriet.) Hintergründe und Konfliktlinien erschließen sich hier mehr nach Art eines Flickenteppichs. Zum Beispiel, wenn Littell sich Gedanken macht über das „doppelte soziale Netz“ Syriens, die „Parallelgesellschaften“: hier das Regime, die, die von ihm profitieren, und der Sicherheitsapparat; dort das Gegennetz aus „zivilen Aktivisten, Würdenträgern, religiösen Figuren und, immer mehr, aus militarisierten Kräften, den Deserteuren, die die FSA bilden“.

Oder wenn es um die Ausrufung des Dschihad geht, mit der einige Aufständische liebäugeln: „Den Dschihad auszurufen“, sagt ein junger Soldat, „würde die Reichweite der Botschaft der syrischen Revolution völlig verändern. Ja, es haben Leute auf der Demonstration Parolen gesungen. Aber das sind einfache Leute, die verstehen das nicht.“

Letztlich erstattet Jonathan Littell Bericht über einen kurzen, vergangenen Moment, „der quasi ohne Zeugen von außen stattgefunden hat, die letzten Tage der Erhebung eines Teils der Stadt Homs gegen das Regime von Baschar al Assad“. Das tut er so direkt, so unvermittelt wie möglich, mit entschiedener Parteinahme. Was man ihm vorwerfen mag. Die Wahrnehmung für das immer heftiger werdende Bürgerkriegsgeschehen in Syrien schärft dieses Buch dennoch enorm.

Jonathan Littell: Notizen aus Homs. Aus dem Französischen von Dorit Gesa Engelhardt. Hanser Berlin, 240 Seiten, als E-Book bereits erschienen, für 14,99 €. Die gedruckte Ausgabe erscheint am 27. August und kostet 18,90 €.

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