Literatur : Warum sich mit brünetten Sorgen plagen?

Von den Launen der Leidenschaft: Louise de Vilmorins „Liebesgeschichte“ begibt sich in die Welt der Schönen und Reichen.

Jochen Jung

Sie war schön und reich, anziehend, verführerisch, gebildet. Als André Malraux die eben Zwanzigjährige zur Literatur hinüberzog, da war sie schon mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt gewesen. Anschließend heiratete sie zweimal, hatte in den vierziger Jahren eine langwährende Beziehung zum englischen Botschafter in Paris, Alfred Duff Cooper, (und dessen Frau) und kehrte zuletzt und bis zu ihrem Tod wieder an die Seite von André Malraux zurück.

Louise de Vilmorin (1902–1969) war vor allem nach dem Krieg eine Frau der Pariser Gesellschaft, der einzigen, in der man wirklich mondän sein konnte – eine mittlerweile ausgestorbene Eigenschaft. In den Fünfzigern war sie einige Jahre lang eine Schriftstellerin, deren Ruhm nicht einmal von Simone de Beauvoir übertroffen wurde, mit der sie ansonsten allerdings auch nicht viel gemeinsam hatte.

Die Gesellschaft, in der sie sich bewegte, eben die der Schönen und Reichen, der Blendenden und Blender aber – typisch für die romanischen Metropolen der Zeit – eben auch der Geistreichen und Kunstsüchtigen, diese Gesellschaft war auch der Stoff ihrer Romane. Sie kannte sie sehr gut, und sie konnte sich auch über sie lustig machen, aber ein Leben außerhalb wäre für sie nicht vorstellbar gewesen. Sie konnte diese Welt ironisieren, aber sie zu entlarven war ihre Sache nicht.

Wenn hierzulande etwas von dieser Autorin geblieben ist, dann ist es die Verfilmung eines ihrer Romane, „Madame de …“, den Max Ophüls mit Danielle Darieux, Vittorio de Sica und Charles Boyer inszeniert hat. Es ist einer der hinreißendsten und natürlich auch melancholischsten Liebesfilme überhaupt. Wie aufmerksam daher vom Dörlemann Verlag, die Möglichkeit zu bieten, noch etwas von dieser Autorin zu lesen, die einen Typus vertritt – es sei nur an die (bedeutendere) Colette erinnert– , den es in der deutschen Literatur mit ihrer Angst vor dem allzu Leichten so nicht gibt. Und da die Lektüre dieses kleinen Romans exakt so lange – oder so kurz – dauert wie ein klassischer Kinofilm, ist auch dann nichts verloren, wenn man am Ende merken sollte, dass man für diese Art von Sahnebaiser denn doch zu deutsch ist und eine Meringue weiterhin lieber einen Windbeutel nennt.

Madame Valle-Didier und Madame Lejeand sind zwar sehr verschieden, und das nicht nur, weil die eine brünett und die andere blond ist: Die eine ist ein lockerer Zeisig, die andere gibt eher die flötende Nachtigall. Beide sind auf jeden Fall in hohem Maße töricht und ihren Launen ausgeliefert, was bald auch für einen jungen österreichischen Offizier gilt, dem der Krieg (keine Angst, es bleibt bei einer kurzen Erwähnung) übel mitgespielt hat und den der Zufall, der sich hier die Hauptrolle mit der Unglaubwürdigkeit teilt, in eben jenes Haus an der normannischen Küste gebracht hat, in dem auch die Damen residieren.

Romangemäß verlieben sich beide Damen auf der Stelle in den jungen Mann, Peter von L. geheißen. Der aber ist selbst längst in ein junges Mädchen verliebt, und zwar auf die Art, die man damals unsterblich nannte, was in diesem Fall heißt, dass er am liebsten selber sterben möchte. Er muss nämlich erfahren, dass seine Angebetete selber nicht mehr lebt. Zu unserem Glück hindert ihn das nicht, sich ausführlich von den beiden Damen anschwärmen zu lassen, einmal mehr blond, das andere Mal mehr brünett, wobei die Moral in Form der Etikette in Wahrheit nie verletzt wird.

Das Geschehen geht seinen Weg, ohne sich durch allzu präzise Ortsbeschreibungen aufhalten zu lassen, wenn eine Landschaft uns näher gebracht werden soll, genügt es, die Damen bei ihrem Anblick ausrufen zu lassen: „Wie hübsch!“

Man ist dann auch schon an der Côte d’Azur, ein Ehemann tritt auf, der aber Gott sei Dank gleich wieder nach Mailand muss, aus „geschäftlichen Gründen“, aber was weiß man schon, was der in Mailand macht.

Eine Tochter ist dann die Dritte, die sich in Peter von L. verliebt, und wie der dann endlich doch die Vierte kriegt, die für ihn ja immer schon die erste gewesen war, das alles wird erzählt mit dem spöttischen und zugleich verständnisinnigen Tonfall, mit dem eine Frau von Welt ihrer Freundin so etwas erzählen würde, der sie zeigen will, dass sie selbst keineswegs töricht oder gar sentimental ist, aber durchaus Sinn dafür hat, wenn andere ausprobieren wollen, ob es von dort einen Weg zur Liebe gibt. Die Moralisten des 18. Jahrhunderts haben ja selbst bei solchen Kolporteurinnen ein paar Spuren hinterlassen.

Vom alten Boccaccio bis zu Eric Rohmer sind immer wieder solche Geschichten erzählt worden, überschaubar und überlegen. Besonders ernst sollte man das alles nicht nehmen, nur so viel, wie das Amusement eben braucht. „Warum sollten wir uns mit den Sorgen belasten, die unser unbekanntes Ich plagen?“, sagen sich die Damen, die derlei Neugier nicht behelligt. Verborgene Geheimnisse hat dieser Roman nicht, und schon gar nicht hat er es faustdick hinter den Ohren. Wenn er etwas hinter den Ohren hat, dann ist es ein Tropfen Chanel No 5.

Louise de Vilmorin: Liebesgeschichte. Roman. Aus dem Französischen von  Patricia Klobusiczky. Dörlemann Verlag, Zürich 2009.  128 Seiten, 17,80 €.

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