Literaturdebatte : Der Dax und die Dachse

Die Cyberwelt zu Gast in Schweden: Was in Thomas Steinfelds und Martin Winklers Krimi "Der Sturm" wirklich passiert. Eine Rezension.

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Die Identität des Mordopfers in diesem Krimi mit dem Titel „Der Sturm“, der den Kulturbetrieb in den letzten Tagen so aufgeregt hat, bleibt lange im Unklaren. Nach dem achten Kapitel, auf Seite 51, ahnt der Leser erst, um wen es sich handelt. In einem Gespräch ist die Rede von Christian Meier, dem etwas verrückten, aber ziemlich erfolgreichen „Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird. Seine Zeitung ist bestimmt nicht die ’New York Times’. Eher so etwas wie die ’New York Post’.“
Dieses Gespräch findet in New York statt, am Rande einer Veranstaltung über „Die Dämonen des Kredits“, und zwar zwischen Richard Grenier, dem Gründer einer für die Datensicherheit von Banken zuständigen US-Software-Firma, und Lorenz Winkler, einem Berliner Professor für die Geschichte der Philosophie, der ein Buch über die Unvorhersehbarkeit von Finanzkrisen geschrieben hat.
In Schweden selbst, wo jener Meier in einer Schonener Scheune von Dachsen zerfressen aufgefunden wird, ist man noch länger ahnungslos als der Leser. Der Lokalreporter Ronny Gustavsson zögert eine Weile, bis er der Polizei erzählt, dass er den Toten zuvor an einer Tankstelle gesehen hat mit seinem „großen, dunkelblauen BMW“: ein Mann um die fünfzig, „nicht groß, nicht klein. Nicht dick, nicht dünn. Ein dichter Lockenkopf, blond oder nein, eher dunkelblond.“ Ja, und dann verdichten sich die Hinweise, dass der „SZ“-Feuilletonchef Thomas Steinfeld und der Arzt Martin Winkler in ihrem Krimi „Der Sturm“, den sie ursprünglich unter dem Pseudonym Per Johannson veröffentlichen wollten, ihren Ermordeten vor allem dem „FAZ“-Mitherausgeber Frank Schirrmacher nachgebildet haben; der „habe so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele große weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik“; auch Bücher hat Christian Meier genau darüber geschrieben, „ein interessanter Mensch, einer, dem man vielleicht nicht zu nahe hätte kommen dürfen, aber einer, der Ideen hatte.“
So ließe sich jetzt noch die eine oder andere Beschreibung von Meier zitieren – trotzdem bleibt er als Figur blass. Ronny Gustavsson sagt zwar einmal, dass ihn das Opfer mehr interessiere als der Täter. Nach Klärung der Opferidentität ist das aber eine reine Behauptung: Meier spielt im Folgenden keine Rolle mehr, sein Umfeld, sein Tun, all das, was in einem klassischen „Whodunnit“-Krimi von Bedeutung wäre.
Ansonsten ist „Der Sturm“ eine solide Genrearbeit geworden, gerade in den ersten zwei Dritteln. Eine schnelle Kapitelabfolge, viel schwedisches Lokalkolorit, ein kluger, sympathischer, in Liebes- wie Berufsdingen aber gescheiterter und alles andere als ermittelnder Reporter als Hauptfigur, ein weiterer Toter, New York und Berlin als Nebenschauplätze. Sowie zwei undurchsichtige, an vielen globalen und virtuellen Strippen ziehende Nebenfiguren als vermeintliche Gegenspieler: jener Richard Grenier. Und der schwedische Gutsherr Wilhelm af Sthen, der zugleich einer der wichtigsten Figuren der schwedischen Piratenpartei ist.
Hauptthema dieses Krimis: die Gefahren, die der Welt durch Börsenspekulanten, die Allmacht der Märkte und den computergesteuerten Finanzverkehr drohen – und durch Kriege, die virtuell ausgetragen werden. Lehman, Cyberterrorismus, Wikileaks, you name it – und als Kontrapunkt dazu: die schwedische Idylle, vor der die Globalisierung nicht halt macht. Der Wintersturm, der Schonen dann heimsucht und die Existenz schwedischer Bauern und Waldbesitzer bedroht, ist die etwas dick aufgetragene Metapher für diese heftig in Bewegung geratene Welt. Der Sturm fördert schließlich auch den BMW des Mordopfers zutage, auf dass Steinfeld/Winkler eine unspektakuläre, mäßig interessante Auflösung ihrer Geschichte präsentieren können.
Als Schlüssel- oder Schirrmacher-Roman ist „Der Sturm“ jedenfalls eine Enttäuschung. Umso seltsamer erscheint das Spiel mit dem Pseudonym und den anderen Maskeraden, in dem Verlag und Autoren so dilettiert haben. Gerrit Bartels

Per Johannson: Der Sturm. Roman. Fischer, Frankfurt/Main 2012. 336 S., 18, 99€

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