Literaturfestival Berlin : Im Wald und auf den Bergen

Wie gehen die verschiedenen Weltkulturen mit ihren Alten um? Das Berliner Literaturfestival versucht, Antworten zu geben.

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Im Gespräch mit der Familie. Ein alter Afghane in einem Kabuler Flüchtlingscamp.
Im Gespräch mit der Familie. Ein alter Afghane in einem Kabuler Flüchtlingscamp.Foto: Omar Sobhani/Reuters

Warum feiern eigentlich nur noch so wenige ihren 40. Geburtstag und immer mehr den 60., 70. oder gar 80., fragt der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler in einem Gedicht über das Älterwerden. Und warum will der dunkle Anzug im Kleiderschrank nicht mehr nach hinten rücken? Nicht immer ist so viel Gelassenheit im Spiel, wenn man feststellt, dass einem der Name des Gegenübers nicht mehr einfallen will, die Speisekarte zur Lektüre immer weiter weggerückt werden muss und man den Knochen morgens beim Aufstehen gut zureden muss.

Eine Generation von Berufsjugendlichen findet sich plötzlich am Sockel der Alterspyramide wieder und wird, statt politische Herausforderungen zu formulieren, nun selbst als „demografische Herausforderung“, wenn nicht gar als „Katastrophe“ wahrgenommen. Weil aber jede Krise ins Positive umgedeutet werden kann, ist das aktuelle Wissenschaftsjahr der „demografischen Chance“ gewidmet, mit beabsichtigten Austauscheffekten zwischen Wissenschaft und Kultur, geeignet, die generationellen Fronten abzurüsten und weichzuzeichnen.

Unter der Offerte „Weltweisheit“ firmieren so auch die 25 im Rahmen des Berliner Literaturfestivals angebotenen Veranstaltungen zu den „Kulturen des Alterns“, die dem grimmigen Demografiediskurs das Lob des Alters entgegensetzen sollen. Ob es nun auf die seniorenfreundlichen Veranstaltungszeiten oder den freien Eintritt zurückzuführen ist, dass der von Thomas Böhm verantwortete Schwerpunkt lebhaft nachgefragt wurde? Kuschelrhetorik stellte sich – den Frauen, die solchen Neigungen gelegentlich in die Parade fuhren, sei Dank – jedenfalls nicht ein.

Über das Glück der Anwesenheit alter Menschen

Dafür sorgte zum Auftakt schon Priya Basil, die in ihren „81 Gedanken zur Weisheit und über das Glück der Anwesenheit alter Menschen“ zunächst einmal ein bitteres Resümee zog. Was gilt ein alter Mensch, dessen Schönheit sich verflüchtigt hat, dessen körperliche und geistige Kräfte erlöschen und der nichts mehr zu geben hat in einer Gesellschaft, die Leistung als Eintrittsbillett fordert? In der die selbstbestimmte Euthanasie zum Konsens geworden ist, weil am Leid der Patienten vor allem die Anderen leiden?

Die 1977 in London geborene und in Berlin lebende indischstämmige Autorin reagierte mit ihren Thesen auf die tägliche Frage ihres Großvaters, warum er überhaupt noch da sei. Sie versucht sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, als Sikh in der englischen Kultur alt werden und sterben zu müssen. Er litt unter der Abhängigkeit, während für Basil mit seinem Tod auch der Abbruch der Herkunftstradition besiegelt ist: Nie mehr würde er sie mit dem Gruß der Sikh – „es gibt nur einen Gott“ – begrüßen, und der Brauch, dabei die Füße des Anderen zu berühren, würde in Vergessenheit geraten.

In früheren Zeiten machten Gemeinschaften, die über karge Ressourcen verfügten, kurzen Prozess mit ihren Alten. In Alaska setzte man überflüssige Esser im Wald aus, in Japan brachte man sie auf einen Berg und überließ sie ihrem Schicksal, wie Irmela Hijiya-Kirschnereit am Beispiel der älteren japanischen Literatur zeigte. Das widerspricht so ganz und gar unserem Bild vom verehrten Alten, das, so die Historikerin Nina Verheyen, wie alle Rollenbilder immer auch normative Züge aufweist. Aus historischer Perspektive sei der Generationenkonflikt heutzutage staatlich befriedet, mit der Auflage, dass alte Menschen, trotz aller Verlusterfahrungen, zufrieden zu sein hätten.

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