Literaturfestival Berlin : Manische Weltretter

Gerrit Bartels entdeckt zufällig sich ergebende Schwerpunkte beim Literaturfestival in Berlin. Darunter: „Literatur und Psychiatrie“. Dieser Tage lesen gleich drei Autoren über die unterschiedlichsten Psychosen ihrer Figuren.

Gerrit Bartels

Im Fokus des Internationalen Literaturfestivals Berlin stehen zwar die arabischen Literaturen – doch lassen sich bei einem Festival dieser Größe immer auch andere, dann eher zufällig sich ergebende Schwerpunkte ausmachen. So hätte man eine Reihe des Festivals auch „Literatur und Psychiatrie“ nennen können, lesen dieser Tage doch gleich drei Autoren aus dem angloamerikanischen Raum aus Büchern, die sich mit dieser Thematik befassen. Der New Yorker Schriftsteller Michael Greenberg hat mit „Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde“ ein Buch über die manische Psychose seiner Tochter Sally geschrieben, an der diese erstmals 1996 erkrankte. Vor allem aber hat er auch darüber geschrieben, was für ein Einbruch die Erkrankung in sein Leben und das seiner Familie darstellt (heute , 20 Uhr, Literaturhaus Fasanenstraße).

Ist Greenbergs Buch mehr Fallgeschichte und Sachbuch, nähert sich der ebenfalls in New York lebende amerikanisch-österreichische Autor John Wray dem Thema sehr literarisch, ist er doch für seinen Roman „Der Retter der Welt“ tief in die Psyche seines jungen, an paranoider Schizophrenie erkrankten Helden William Heller alias „Lowboy“ (so heißt der Roman im Original) hineingekrochen. Aus Lowboys Persepektive erzählt Wray, wie dieser, nachdem er sich aus der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik entfernt hat, mit der New Yorker U-Bahn herumfährt, was er für Gedanken und Eingebungen, für Begegnungen und Erlebnisse hat. Wiewohl Wray eine klare, fast nüchterne Sprache verwendet, lassen sich im Fall von Lowboy Wahn und Wirklichkeit nicht immer unterscheiden. Sicher ist, und das ist die zweite Ebene von Wrays Roman, dass er tatsächlich verfolgt wird von einem Detektiv der New Yorker Polizei und seiner Mutter. Beide glauben, dass Lowboy anderen Menschen Schaden zufügt, denn er hat einst seine Freundin Emily in einen U-Bahn-Schacht gestoßen, als diese ihn küssen wollte. Dass diese Tat eine Reaktion seiner Ängste war, thematisiert Wrays Roman aufs Beste – und immer wieder liegt auch auf Lowboys Verfolgern ein Schatten von Angst, Bedrohung und psychischen Auffälligkeiten. Schon bald weiß man, dass auch die Mutter und der Polizist zwei Getriebene sind und ihre ganz eigenen Lebens- und Krankheitspäckchen zu tragen haben (heute um 18 Uhr, JVA Tegel, Do 17. 9., Haus der Berliner Festspiele).

Spielerischer und leichter als Greenberg und Wray geht der britische Schriftsteller Hanif Kureishi mit dem Thema in seinem neuen Roman „Das sag ich dir“ um. Sein Held Jamal, der in London als Psychologe eine Praxis führt, muss sich weniger mit manifesten Psychosen herumschlagen als sich der intimsten Geheimnisse seiner Patienten erwehren – dabei leidet er selbst schwer an einem Trauma aus seiner Jugend, das ihn mit einer Studienfreundin verbindet (Mi, 16.9., 22 Uhr 30, Kino Babylon).

So wie man Kureishis Roman nicht zuletzt als zärtlich-schillerndes Porträt des multikulturellen London lesen kann, lassen sich auch Greenbergs und Wrays Romane als wunderbare New-York-Porträts entziffern. Womit wir bei der gewissermaßen zweiten Reihe außer Konkurrenz des Berliner Literaturfestivals 2009 wären: dem New-York-Roman.

Während Greenberg nebenher einen Bericht aus dem nicht leichten Leben des Künstlerproletariats in Manhattan liefert, bildet Wray ober- wie unterirdisch das Brodelnde,  Hektische und Getriebene des New Yorker Alltags ab. Zu ihnen gesellt sich als Dritter im Bunde der gleichfalls in New York lebende irische Schriftsteller Colum McCann, der mit „Die große Welt“ einen hinreißenden, mehrere Schicksale verknüpfenden NewYork-Roman geschrieben hat. Im Jahr 1974 angesiedelt, greift der Roman ein reales Ereignis auf: den Tag, an dem der Artist Philippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers entlangbalancierte. Ganz klar wird da, woran McCann mit „Die große Welt“ nicht zuletzt gelegen ist: an der Durchdringung von Zeit und Geschichte (Sa, 19.9., 18 Uhr, Haus der Berliner Festspiele).

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