Literaturfestival : Menschen und Mächte

Heute beginnt das 8. Internationale Literaturfestival Berlin. Präsentiert werden 130 Autoren aus 50 Ländern. Ein Schwerpunkt liegt auf Afrika.

Gregor Dotzauer

Reden wir über Literatur – reden wir über Barack Obama. Man weiß nicht, was sich Ulrich Schreiber und sein Programmteam dachten, als sie eine große Diskussion über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten planten, aber mit den vier Autoren, die sich nun im Haus der Berliner Festspiele öffentlich Gedanken machen (25.9., 21.30 Uhr), ist es das Naheliegendste der Welt.

Denn geht es, auch wenn keiner von ihnen ein tagespolitisches Blatt vor den Mund nehmen wird, nicht um die narratives hinter den aktuellen Ereignissen? Geht es nicht darum, das Kalkül offenzulegen, mit dem Partei- und Machtstrategen Erzählräume konstruieren, die bis ins Mythologische reichen? Der aus Sofia stammende Pariser Philosoph und Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov beschäftigt sich seit einem Vierteljahrhundert damit, wie kulturelle Zeichensysteme die Wahrnehmung des anderen prägen. In seinem Standardwerk „Die Eroberung Amerikas“ hat er untersucht wie der Einfall der Spanier die indianischen Traditionen blutrünstig zerstörte – ein exemplarischer Fall von kolonialem Denken. Der Holländer Geert Mak wiederum ist ein Spezialist für die Ideen, die Europa im Innersten zusammenhalten, weshalb er genauer als viele andere über die Hoffnungen Auskunft geben kann, die die Bewohner des alten Kontinents mit einem möglichen Wahlsieg Obamas verbinden.

Der New Yorker Essayist Eliot Weinberger, als Übersetzer von Octavio Paz wie als Kenner chinesischer Dichtung, inzwischen so etwas wie der universalschriftgelehrte Dauergast des Festivals, hat den Kreis seiner politischen Schriften in der „London Review of Books“ erst jüngst um spitze Bemerkungen zu den Vorwahlen rund um Hillary Clinton und Barack Obama erweitert. Der im südafrikanischen Exil lebende Somalier Nuruddin Farah schließlich, der bekannteste Name im diesjährigen Fokus Afrika, ist nicht nur ein glänzender Erzähler, er hat als Kenner afrikanischer Gender- und Race-Diskurse, auch einen besonderen Blick darauf, was Obamas Hautfarbe bedeutet. Man könnte also behaupten, dass sich in dieser einen Diskussion das ganze Festival mit seinen 130 Schriftstellern aus 50 Ländern, seinen Themen, Lesungen und Debatten spiegelt.

Wie politisch Literatur sein darf und soll, ist in diesem Zusammenhang eine müßige Überlegung. Die Frage ist eher, wie man sie überhaupt aus diesem Wirkungsfeld heraushalten will – und umgekehrt. „Niemand sollte sich erkühnen“, heißt es in Octavio Paz’ politischer Autobiografie „Itinerarium“, „über Themen der Philosophie und politischer Theorie zu schreiben, ohne zuvor die griechischen Tragödiendichter und Shakespeare, Dante und Cervantes, Balzac und Dostojewski gelesen zu haben. Die Geschichte und die Politik sind die bevorzugten Bereiche des Besonderen und des Einzigartigen: der menschlichen Leidenschaften, der Konflikte, der Liebe, des Hasses, der Eifersucht, der Bewunderung, des Neids, alles Guten und alles Schlechten. Die Politik ist das Band zwischen den unpersönlichen – oder genauer: überpersönlichen – Mächten und den Menschen. Den konkreten Menschen vergessen zu haben war die große Sünde der politischen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts.“

Das Literaturfestival bietet nun fast zwei Wochen lang Gelegenheit zu beobachten, wie Dichtung und Politik einander huckepack nehmen oder abzuwerfen versuchen – gleich, ob man mit Amitav Ghosh an den Ganges reist, mit Uwe Timm ins heutige Namibia, mit Milton Hatoum an den brasilianischen Amazonas oder mit der jüngsten Generation chinesischer Lyriker nach Peking.

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