Literaturhaus : Die Batak-Attacke

Bulgarien kämpft um seinen Nationalmythos – ein europäischer Abend im Berliner Literaturhaus.

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Am Ende brannten dann auch noch die Ausstellungskataloge. Am Montagabend zeigt die Kunsthistorikerin Martina Baleva im Berliner Literaturhaus Fotos, die 2008 im nordbulgarischen Russe entstanden sind und auf denen man sieht, wie jenes Bild zu Asche verglüht, das zugleich Deckblatt ihres Buches und Balevas Forschungsgegenstand ist.

Über das Ereignis und seine Vorgeschichte spricht Martina Baleva am 77. Jahrestag der Berliner Bücherverbrennung mit der Autorin Sibylle Lewitscharoff, auf Einladung der Villa Aurora und der Atlantik-Brücke. Auch Lewitscharoff, die zwar einen bulgarischen Vater hat und 2009 in ihrem Roman „Apostoloff“ zwei Schwestern auf die Reise durch dieses Land schickte, hat zu Bulgarien mehr Fragen als Antworten.

Für ihre Dissertation an der FU Berlin hatte die Kunsthistorikerin Baleva das Bild des polnischen Malers Antoni Piotrowski analysiert. Es trägt den Titel „Das Massaker von Batak“, zu sehen sind darauf Männer mit Turbanen, die auf die Körper geschändeter Frauen blicken. Das Massaker hat wirklich stattgefunden: 1876 ist die christliche Zivilbevölkerung des Dorfes Batak während des bulgarischen Aprilaufstandes gegen das Osmanische Reich von irregulären osmanischen Truppen weitgehend ausgelöscht worden. Ähnliche Verbrechen geschahen damals auch in vielen anderen Dörfern.

Baleva konnte durch ihre Forschung allerdings die Entstehungsgeschichte des Bildes entzaubern – das nicht, wie lange angenommen, auf realen Fotos des Massakers basiert, sondern auf Szenen, die in den 1880er Jahren nachgestellt wurden. „Mich hat interessiert, wie durch das Bild und die Fotos ein Nationalmythos entstanden ist“, sagt Baleva. Das Bild habe dabei geholfen, die bulgarische Nation zu formieren, und sei Sinnbild eines Kampfes des Christentums gegen den Islam. Bulgarien stand knapp 500 Jahre unter osmanischer Herrschaft und wurde erst 1878 wieder unabhängig.

In einer Ausstellung und Konferenz hatte die Bulgarin ihre Forschungsergebnisse im April 2007 zusammen mit ihrem Kollegen Ulf Brunnbauer in Sofia vorstellen wollen – doch die Veranstaltung mit dem Titel „Feindbild Islam – Geschichte und Gegenwart antiislamischer Stereotype in Bulgarien am Beispiel des Massakers von Batak“ musste sie wieder absagen. Denn verschiedene Fernsehsender und Zeitungen – darunter auch einige, die zur deutschen WAZ-Gruppe gehören – sowie nationalistische Historiker hatten verbreitet, Baleva und Brunnbauer würden leugnen, dass das Massaker überhaupt stattgefunden hat. Baleva musste das Land verlassen, sie erhielt Todesdrohungen. Über längere Zeit lebte sie auch in Deutschland unter Polizeischutz.

Der Staatspräsident Georgi Parwanow nannte das Projekt eine „schlimme Provokation“, die rechtsradikale Partei „Ataka“ setzte kurz vor den Europawahlen ein Kopfgeld für die Adresse von Baleva aus. „Am schlimmsten hat es meine Eltern getroffen“, erinnert sie sich. Ihre tatsächliche Intention habe sie damals nicht mehr vermitteln können. Rund 1800 bulgarische Wissenschaftler und Liberale hätten sich bis heute aber per E-Mail mit ihr solidarisiert.

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