Literaturnobelpreis für Munro : Alice Munro, die stille Virtuosin

Das Gewicht des einzelnen Satzes, des einzelnen Worts: Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro ist mehr als nur eine Meisterin der kurzen Form. Sie galt lange als Favoritin für den Literaturnobelpreis, nun hat sie ihn endlich gewonnen.

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Die 13. Frau, die den Nobelpreis für Literatur gewinnt. Die Kanadierin Alice Munro, 82, wurde früh am Morgen von der Nachricht überrascht.
Die 13. Frau, die den Nobelpreis für Literatur gewinnt. Die Kanadierin Alice Munro, 82, wurde früh am Morgen von der Nachricht...Foto: dpa

Wer in ihr nur die Königin der zeitgenössischen Kurzgeschichte sehen wollte, müsste leugnen, wie sehr ihre Stories in den vergangenen 60 Jahren zu einem Universum zusammengewachsen sind. Durch Alice Munros bisher 14, sämtlich auf Deutsch vorliegenden Erzählsammlungen weht ein erstaunlich gleichmäßiger – und letztlich trauterer – Wind als durch die großen Entwürfe der nordamerikanischer Romanciers am anderen Ende der literarischen Skala. Wo in den Romanen von Thomas Pynchon oder Don DeLillo aber die Paranoia wohnt und das Allzumenschliche zur bloßen Fußnote anonymer Strukturen wird, steht bei ihr der Einzelne mit seiner ganzen stillen Verzweiflung im Mittelpunkt, von den Sechzigerjahren bis heute.

Nobelpreis für Literatur geht an Alice Munro
Große Freude und Überraschung hat der Literaturnobelpreis für die kanadische Schriftstellerin Alice Munro bei ihrem deutschen Verlag S. Fischer ausgelöst. „Man bereitet sich immer wieder ein bisschen darauf vor und denkt, dieses Jahr wird es klappen. Dann hört man irgendwann auf zu hoffen, und dann klappt's“, sagte der Programmchef für Internationale Literatur, Hans-Jürgen Balmes, am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse. Die Schwedische Akademie hatte der 82-Jährigen den Literaturnobelpreis zuerkannt.Alle Bilder anzeigen
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10.10.2013 14:04Große Freude und Überraschung hat der Literaturnobelpreis für die kanadische Schriftstellerin Alice Munro bei ihrem deutschen...

Wenn die Schwedische Akademie nun die 1931 in der kanadischen Provinz Ontario geborene Erzählerin mit dem Literaturnobelpreis auszeichnet, mag die Jury jenseits eines in der heimlichen Summe zum Epischen neigenden Schreibens vielleicht auch die Empathiefähigkeiten eines psychologischen Realismus ehren. Das Nobel-Komitee ehrt aber vor allem eine Künstlerin, deren Erzählungen kaum je länger als 30 Seiten sind und die sich auf das Gewicht, das Geheimnis und die Knappheit des einzelnen Satzes versteht: seinen leicht dahinfließenden Rhythmus, seine unbedingte Klarheit und ein Gespür für den Anschluss, nach dem er verlangt. Alice Munro hat einen Ton, der den Leser in seiner gewichtslosen Entschiedenheit sofort mitnimmt. Ja sie hat etwas, wovor viele zurückscheuen, einen Sound.

Alice Munro beweist, was Literatur auf engstem Raum vermag

Nach den barock wuchernden Prosaperioden des Chinesen Mo Yan und den Traum- und Halbschlafgespinsten des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer ist dies eine Erinnerung daran, was erzählende Literatur auf engstem Raum vermag. Sie braucht vielleicht so etwas wie Geschichten, die bei Alice Munro allerdings nie im Vordergrund stehen. Auf jeden Fall aber braucht sie sprachliche Konzentration - und Anfänge, in denen schon mehr mitschwingt, als die nackten Wörter sagen.

Von Swetlana Alexijewitsch bis Seamus Heaney - Die Literaturnobelpreisträger
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08.10.2015 14:02Der Nobelpreis, benannt nach Alfred Nobel.

„Jedenfalls weiß er, wie man die Frauen um den Finger wickelt', sagte Et zu Char“, beginnt die Titelerzählung von „Was ich dir schon immer sagen wollte“ („Something I’ve Been Meaning To Tell You“), Munros drittem Erzählungsband von 1974, der erst im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen ist. „Sie konnte nicht erkennen, ob Char bleicher wurde, als sie das hörte, denn Char war ohnehin so bleich, wie man nur sein konnte.“ Im englischen Original, das Heidi Zerning wie alle Werke Munros zuverlässig übersetzt hat, heißt das: „ ,Anyway he knows how to fascinate the women,’ said Et to Char. She could not tell if Char went paler, hearing this, because Char was pale in the first place as anybody could get.“ Das ist kein Unterschied ums Ganze, allenfalls um eine Nuance, aber dann doch über zwei Dutzend Zeichen kürzer – und im Deutschen eben manchmal um genau jene lästige Silbe länger, die Alice Munro zu sparen weiß.

Die jungen Mädchen, die sich aus ihren kleinen Städten auf dem Land in ein illusionäres Glück hineinsehnen, die früh beginnenden Einsamkeiten, besonders die paarweisen Einsamkeiten, sind ihre Spezialität geworden, und sie hat ihnen inzwischen auch die Vergeblichkeitsmusik der mittleren Jahre hinzugefügt.

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