Lithografie : Slow Food der Kunst

Zwei junge Drucker eröffnen in Kreuzberg eine Werkstatt für Lithografie. Berlin geht als Mekka der Lithografen.

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The place to be. Ulrich Kühle und Sarah Dudley in ihren neuen Räumen am Paul-Lincke-Ufer. Foto: Thilo Rückeis
The place to be. Ulrich Kühle und Sarah Dudley in ihren neuen Räumen am Paul-Lincke-Ufer.Foto: Thilo Rückeis

Für einen Moment schweben die Füße ein paar Zentimeter über dem Boden. Sarah Dudley stemmt sich mit ganzem Körpereinsatz auf den Hebel der Druckerpresse, dann dreht sie die Kurbel, die schwere Steinplatte schiebt sich durch den gusseisernen Apparat. Dudley ächzt. „Diese Pressen sind steife alte Damen.“ Genau dafür liebt sie sie.

Sarah Dudley hat sich zusammen mit Ulrich Kühle einen Traum erfüllt: eine eigene Werkstatt für Lithografie. Seit Dezember haben sie sich mit „Keystone Editions“ in Kreuzberg eingerichtet, am Wochenende war offizielle Eröffnung mit einer kleinen Ausstellung von Künstlern, die die beiden begleitet haben. Wie den südafrikanischen Künstler William Kentridge, Zeichner, Animationsfilmer und Theatermacher, der kürzlich im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurde. Sarah Dudley und Ulrich Kühle zeigen neben collagierten Köpfen eine großformatige Skizze zu einer Schostakowitsch-Oper, die Kentridge inszeniert hat. Der amerikanische Pop-Art-Künstler Jim Dine hängt neben Drucken von Buschmännern aus Botswana, neben einer Pueblo-Indianerin oder australischen Aborigines. Sarah Dudley und Ulrich Kühle waren in den vergangenen acht Jahren in der ganzen Welt unterwegs.

Und jetzt Berlin. „It’s the place to be“, sagt Dudley. Hier sei das gegenwärtige Zentrum der Kunst, alle aus der Lithografen-Welt kriegten große Augen, wenn sie erzählten, dass sie jetzt hier leben, sagt Dudley. Hinzu kommt: „Berlin ist eine Lithografie-Hochburg“, sagt Ulrich Kühle, vier oder fünf Werkstätten gebe es hier.

Ein schönes Plätzchen haben sich die beiden ausgesucht. Ein freundlicher Ort. Licht fällt durch die breiten Fenster auf beiden Seiten ein, ausrangierte Setzkästen stehen in den Ecken, um den großen Tisch stehen Stühle in unterschiedlichen Farben und Formen, es gibt eine kleine Küche. Kühle und Dudley haben entspannte Elektromusik aufgelegt. In der Werkstatt empfangen sie ihre Auftraggeber, hier sollen die Künstler arbeiten.

Eine Woche Zeit nehmen sich die beiden für jeden, der kommt, Profis und Anfänger. Dudley und Kühle verstehen sich als Dienstleister. Reproduktionen machen sie nicht. Für sie zählt der Originaldruck, auf jedes Blatt kommt der Prägestempel der Werkstatt und des Druckers. Je experimenteller der Auftrag, desto besser. Sie würden die Lithografie gern von ihrem verstaubten Image befreien, sagen sie. Demnächst arbeiten sie mit Londoner Street-Art-Künstlern zusammen.

1798 hat Alois Senefelder den Steindruck erfunden. Er nannte ihn „chemische Druckerei“, weil er auf dem Prinzip beruht, dass Fett Wasser abstößt. Der Künstler zeichnet mit einer fetthaltigen, schwarzen Kreide auf die glatt geschliffene Steinoberfläche. Dann wird sie mit einer Mischung aus Säure und Gummiarabikum behandelt, so dass die freien Stellen fettabweisend werden. Jetzt feuchtet man den Stein an, so dass die mit Kreide bedeckten Flächen das Wasser abstoßen, alle anderen es hingegen annehmen. Mit einer Walze wird fettige Farbe aufgetragen. Die Zeichnung nimmt diese auf, die wasserbedeckten Stellen stoßen sie ab. Nun geht der eigentliche Druckvorgang los: Mit einer Presse wird die Steinzeichnung auf Papier übertragen. Das Abbild ist spiegelverkehrt. Soll das Blatt mehrfarbig werden, muss der Vorgang entsprechend oft wiederholt werden.

„Lithografie ist wie Slow Food“, findet die Meisterin, und nennt Begriffe wie Genuss, Langsamkeit, hohe Qualität. „Solnhofener Kalkschiefer aus dem Altmühltal ist der einzige Stein mit einer homogenen Struktur, die das Fett ganz gleichmäßig anzieht“, erklärt Kühle. In der Werkstatt stapeln sich die Platten in verschiedenen Größen. So, wie sie in allen Grauschattierungen auf den Fensterbänken lehnen, sehen sie an sich schon sehr schön aus, so handfest, so naturbelassen. Etliche Male kann man die Steine wiederverwenden, dazu muss man sie in mühevoller Kleinarbeit abschleifen. Das kostet einen halben Arbeitstag. „Für uns ist das Meditation“, sagt Kühle. Manche Steine begleiten den Lithografen sein ganzes Leben. Manche werden sogar weitervererbt.

Genauso wie Druckpressen. Mitten im Raum, neben dem Gerüst zum Trocknen der fertigen Blätter, steht ein schlankes, knallrotes Exemplar. Es gehörte Kühles Lehrmeister, Henner Kätelhon, in dessen Werkstatt am nordrhein-westfälischen Möhnesee er gelernt hatte, bevor er in die USA ging, ans Tamarind Institute. Dort, in New Mexiko, wurde er zum Meister ausgebildet, ein Abschluss, den es in Deutschland für Steindrucker nicht gibt. Auch die Kanadierin Sarah Dudley besuchte diese Schule. Schon damals war klar, dass beide zusammen eine Werkstatt eröffnen wollten. „Zwei Bibeln gibt es für Lithografen“, sagt Dudley. Das Buch, das Alois Senefelder schrieb – und das Handbuch aus dem Tamarind-Institut. „Aus der ganzen Welt kommen die Leute für die Ausbildung in diese amerikanische Wüste“, erzählt sie. Ein Jahr dauert das Grundstudium, dann werden zwei Schüler für eine Meisterklasse ausgesucht, Dudley und Kühle waren dabei.

Noch bis in die 30er Jahre war die Lithografie ein gängiges Druckverfahren, längst ist es vom schnellen, wirtschaftlichen Offset-Druck abgelöst. Steindruck wird nur noch im künstlerischen Bereich gepflegt. Die, die das Handwerk noch beherrschen, kennen sich untereinander, weltweit. Wenn sie mit Sarah Dudley und Ulrich Kühle zusammenarbeiten wollen, müssen sie nun nach Kreuzberg kommen.

Keystone Editions, Paul-Lincke-Ufer 33, Montag bis Freitag 10–16 Uhr,

www.keystone-editions.net

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