Kultur : Lob der Leere

Zwei Ausstellungen zur Architektur Koreas

Jürgen Tietz

Müsste sich eine Stadtneugründung in Südkorea nicht deutlich von einer neuen europäischen Stadt unterscheiden? Der Vergleich überrascht: Wer sich in der Ausstellung der Galerie Aedes West (S-Bahn-Bogen 600 am Savignyplatz, bis 27. Oktober, Katalog 10 €) das großformatige Modell von Paju Book City anschaut, wird auf den ersten Blick kaum Unterschiede zu hiesigen Neubauplanungen finden. Die architektonische und städtebauliche Handschrift der „Buchstadt“, in der sich 150 Kilometer nördlich von Seoul zahlreiche südkoreanische Verlage angesiedelt haben, ist global. Vorgestellt werden die einzelnen Bauten bei Aedes in einer Inszenierung aus großformatigen Aktenschränken. Manche Stilelemente der Häuser meint man dabei bereits von anderen Entwürfen zu kennen.

Entlang der neu angelegten Straßen und einem gewundenen Kanal, der durch sumpfiges Gebiet führt, reihen sich die einzelnen Bereiche der Stadt bandartig auf. Dabei verfügen sie jeweils über eine deutliche Funktionszuweisung, die entweder ihrer Lage im Schatten der Autobahn oder am Kanal entspricht oder ihre Nutzung als Verlags- oder Wohngebäude widerspiegelt. Und da Paju Book City weiter wächst, stellen Rahmenvereinbarungen sicher, dass sich neue Bauten in das vorgegebene System einpassen und die Maßstäblichkeit der neuen Stadt wahren. Es ist erstaunlich, dass in Paju Book City auf engem Raum so viele architektonisch anspruchvolle moderne Gebäude verwirklicht wurden. Dabei erweist sich die Neugründung als Momentaufnahme des Architekturgeschehens in Korea.

Einen tieferen Einblick in die Arbeit einer einzelnen Architektenpersönlichkeit gewährt die ebenfalls im Rahmen der diesjährigen Asien-Pazifik-Wochen veranstaltete Ausstellung über Seung H-Sang bei Aedes East (Hackesche Höfe, bis 3. November, Katalog 10 €). Hier gibt es eine direkte Verbindung zu der Buchstadt, deren Masterplan Seung H-Sang maßgeblich mitgestaltet hat. Asiatische und abendländische Traditionen verbinden sich in Seung H-Sangs Arbeiten, der in Seoul und Wien studiert hat, zu einer eigenen Handschrift. Dem entspricht die Ausstellungsgestaltung. Die Projekte werden auf rostroten Stahlplatten gezeigt – einem Material, das an seinen Bauten häufig Verwendung findet und ihnen eine kraftvolle Note verleiht. Besondere Bedeutung misst Seung H-Sang den Räumen zwischen den Häusern bei, ebenso wie Innenhöfen oder Dachterrassen. Es sind Orte, die für ihn eine „lebendige Leere“ verkörpern. In diesem Lob der Leere, das Zwischenräume und -töne eröffnet, hebt sich Seung H-Sangs Architektur wohl am deutlichsten von den Arbeiten seiner europäischen Zeitgenossen ab.

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